Verzicht neu besetzen

17.04.23 | Statements

von Roland Vossebrecker

Verzicht neu besetzen

Christian Lindner: 

„Es sind hierzulande – in Deutschland insbesondere – ja viele unterwegs, die predigen einen Verzicht auf Wachstum.“

„Manche wollen Klimaschutz machen mit Askese, Verbot, Verzicht, kein Wachstum – der Lebensstandard des Jahres 1995, so schlecht war der doch auch nicht –; kann man alles wollen! Wir werden auf dem Wege möglicherweise auch Moralweltmeister werden. (…)“

Verzicht ist ein Begriff, der in der politischen Debatte ziemlich in Verruf geraten ist, – nein, der systematisch in Verruf gebracht wurde. Schon die immer wieder anzutreffende Formulierung des predigen dient dazu, Verzicht als religiös oder sektiererisch zu diffamieren. Als ginge es ums Predigen und nicht ums Praktizieren!

Auch „Klimakanzler“ Olaf Scholz stieß ins selbe Horn:

 „Der gemeinsame Konsens dieser Regierung besteht nicht darin, überall Verzicht zu predigen – das tun wir gar nicht –, sondern auf technologischen Fortschritt und dynamisches Unternehmertum zu setzen.“

Verzicht wird zum Tabu, kaum jemand mag noch drüber sprechen, schon gar nicht in der Politik. Das überall gelebte und propagierte Ideal ist das der „Freiheit“, das leider zu einem Synonym für Rücksichtslosigkeit und Egoismus verkommt.

 

Brauchen wir eine neue Definition des Begriffes? Wie können wir den Verzicht neu formulieren und wieder positiv besetzen? Oder brauchen wir andere, unbelastete Begriffe?
Einige Vorschläge:

Suffizienz: 

Der Begriff wird im Sinne der Frage nach dem rechten Maß sowohl in Bezug auf Selbstbegrenzung, Konsumverzicht oder sogar Askese, aber auch Entschleunigung und dem Abwerfen von Ballast gebraucht. In allen Fällen geht es um Verhaltensänderungen (insbesondere) als Mittel des Umweltschutzes.
(Wikipedia)

 

Genügsamkeit: bezeichnet 

  • Bescheidenheit, eine zurückhaltende Verhaltensweise
  • Dankbarkeit, eine vom Dank erfüllte Haltung und Empfindung
  • Enthaltsamkeit, den Verzicht auf bestimmte Genussmittel
    (Wikipedia)

 

Minimalismus, Einfaches Leben: 

oder freiwillige Einfachheit bezeichnet einen Lebensstil, für den das Prinzip der Einfachheit zentral ist. Ein solches Leben kann sich beispielsweise durch die freiwillige Reduzierung des Besitzes – bekannt als Minimalismus – oder den Versuch der Selbstversorgung auszeichnen.
(Wikipedia)

 

Degrowth: bezeichnet eine Verringerung von Konsum und Produktion und damit auch des BIPs als ein Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit und Wohlbefinden.
(Lexikon der Nachhaltigkeit)

 

Das ist alles gut und richtig, aber vielleicht geht es auch ganz anders. Halten wir einfach dagegen:

 

Verzicht ist geil

Hierbei geht es um nicht weniger als um eine Geisteshaltung, eine Lebenseinstellung, um Widerstand gegen einen egoistischen und zerstörerischen Zeitgeist.

  • Mit dem Verzicht aufs Auto, Flugzeug, Kreuzfahrtschiff etc. verzichtet man darauf, den eigenen CO2-Fußabdruck extrem zu vergrößern.
  • Mit dem Verzicht auf fast fashion verzichtet man auf Sklaverei-artige Ausbeutung von Menschen, hauptsächlich von Frauen in Südost-Asien (Bangladesch, Kambodscha etc.) 
  • Mit dem Verzicht auf Fleisch verzichtet man auf die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes.
  • Mit dem Konsumverzicht unterlässt man das Vermüllen von Umwelt und Meeren, und auch des eigenen Lebens, denn:

Man kann nicht nur auf etwas, sondern auch für etwas verzichten!

  • Jeder Verzicht eröffnet auch Freiräume.
  • Verzicht befreit von unnötigem Krempel und schenkt dadurch das Wertvollste: Zeit.
  • Verzicht befreit von Schuld.
  • Verzicht rettet Leben. 
  • Verzicht verleiht das Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Zum Abschluss noch mal Christian Lindner: „Ich will nicht verzichten, und ich will auch nicht, dass andere verzichten müssen.“

Ob er mal darüber nachgedacht hat, auf was die Menschen in Somalia so alles verzichten müssen?

 

Roland Vossebrecker

2 Kommentare
  1. Der Begriff „Freiheit“ wird in erster Linie, wie ich finde, auch total falsch benutz an dieser Stelle, von ganz vielen Parteien.
    Ich denke, wenn es um die eigenen Wünsche und Habseligkeiten geht, sollte man lieber dem Esel ins Auge schauen und die Dinge richtig benennen: so wie es z.B. die FDP o.ä. ausdrücken, meinen sie Maßlosigkeit.

    Um Freiheit kämpft die Ukraine.

    Daher auch mein Vorschlag für den Begriff der Mäßigung, denn worldwide leben wir hier in D im Überfluss.
    „Verzicht“ klingt in meinen dann auch gleich vielleicht weniger aggressiv und provokant

    Lg

    Antworten
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