IHR WISST ES GENAU
von Roland Vossebrecker
15. August 2026, Hitzesommer, die Wettervorhersage kündigt 38° Grad an. Ist es die fünfte, die sechste Hitzewelle des Jahres? Ich komme mit dem Zählen nicht mehr mit.
Ich bin ein Sommermensch, mein ganzen Leben habe ich den Sommer gemocht, er war mir immer meine liebste Jahreszeit. Zum ersten Mal kommt mir der Gedanke, dass ich mich vor den nächsten Sommern fürchten werde.
Überall in Europa brennen die Wälder, das RKI meldet bereits über 14.000 Hitzetote und der Sommer ist noch längst nicht vorbei. Dabei schlagen die europäischen Klimakatastrophen in so dichter Folge ein, dass es die Katastrophen im Globalen Süden schon kaum mehr in die Nachrichten schaffen.
Über alledem liegt bleischwer eine gewaltige Lüge. Sie bestimmt die Politik aller Richtungen und Parteien in unterschiedlicher Ausprägung und legt sich als betäubende Lähmung auf die Gesellschaft. Es ist die große Lüge, die uns pausenlos eingehämmert wird. „Gestalte Deine Kreuzfahrt nachhaltig“, „Rette die Meere mit Shampoo“, kaufe „richtig“ und die Welt ist gerettet!
Die große Lüge hinter alledem lautet:
Wir können im Grunde so weiter machen wie bisher
nur mit ein paar anderen Mitteln, seien es Sondervermögen, Ladesäuleninfrastruktur, E-SUV und solchem Unsinn.
Mit Klimagerechtigkeit hat das gar nichts zu tun, solange Ausbeutung, Kinderarbeit und moderne Formen von Sklaverei für unsere Rohstoffe und unsere Konsumgüter trauriger Alltag sind, solange die Folgen unserer Emissionen und unser Müll in den globalen Süden ausgelagert werden.
Diese Lüge ist attraktiv, denn sie ist verdammt bequem.
Auf der einen Seite des politischen Spektrums heißt es: Die Technik wird’s richten, eine Technik, die wir zwar noch nicht haben, aber bis dahin bauen wir Gaskraftwerke, streichen die Förderungen für Erneuerbare und Deutschland ist ja sowieso für nur 2 % der Emissionen verantwortlich. Wer glaubte, Christian Lindner sei der Gipfel einer schamlosen Lobby-Politik, wird durch Gas-Kathi eines Besseren belehrt. Von dieser Regierung erwarte ich nichts mehr.
Aber was mich persönlich noch mehr frustriert als die Ignoranz eines Friedrich Merz & Co, das ist das progressive politische Lager. Es sind jene, die es besser wissen! Da heißt es nämlich auch: Die Technik wird’s richten, eine Technik, die wir ja bereits haben. Wir vollziehen die Energiewende zu Sonne und Wind und das Problem sei gelöst. Und das ist einfach nicht wahr!
Selbstverständlich ist die Energiewende ein wichtiger Baustein im Kampf gegen die Klimakatastrophe, aber es ist eine gefährliche Lüge, so zu tun, als würde das allein ausreichen. Würden wir es ernst meinen mit der Klimagerechtigkeit, dann führt kein Weg vorbei an einem konsequenten Raus aus dem Überkonsum, wie er in westlichen Industrienationen für die Mehrheit (nicht für alle!) Alltag ist.
Ihr wisst es genau – Appell für den Mut zur Wahrheit
„Es existiert (…) keine politische Kraft, die eine Klimapolitik propagieren würde, die auch den Menschen etwas abverlangt.“
Hedwig Richter, Bernd Ulrich „Demokratie und Revolution“
Ja, ich meine Euch, liebe Grüne und liebe Linke!
Noch nie hat uns jemand von Euch in der Sache widersprochen! Aber Eure Standard-Antwort lautet mehr oder weniger wörtlich: „Ja, stimmt ja, das mit der Suffizienz, aber wenn wir das laut sagen, dann wählt uns ja keine*r mehr.“
„Mit Verzichtserzählungen gewinnt man keine Mehrheiten.“ Wie oft haben wir diesen Satz schon gehört? Sobald die Forderung nach einer offenen Klimakrisen-Kommunikation kommt, nach einer Politik, die die Wahrheit sagt, die den Menschen auch etwas zutraut und zumutet, kommt in trauriger Regelmäßigkeit die Ausrede der Unvermittelbarkeit, die Furcht vor dem Wähler*innen-Stimmenverlust.
Wie mutlos ist das? Wie feige ist das?
Ist nicht die Demokratie am Ende, wenn die Wahrheit nicht mehr aussprechbar ist? In vorauseilender Geringschätzung wird von den Menschen angenommen, sie seien unfähig und nicht willens, einen Beitrag zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen zu leisten! Dies ignoriert die Sehnsucht so vieler Wohlmeinender, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein „Es geht doch auch anders“, jenseits von Wachstumszwang und Konsumrausch.
Wie phantasielos und armselig ist das?
Ist es so schwer zu verstehen, und zu vermitteln (!), dass Suffizienz, ein Genug für Alle, viel mehr ist als eine bloße Verzichtserzählung? Dass Genug für Alle eine Utopie ist, für die es sich zu kämpfen lohnt, für die man sich begeistern kann! Dass wir, am Abgrund stehend, nichts mehr zu verlieren haben, wir aber alle mit einer mutigen Suffizienzpolitik so viel gewinnen könnten.
„Suffizienzpolitik ist mehr als nur weniger.“ So viel mehr!
„Suffizienz ist die Befreiung von einer All-you-can-eat-Mentalität, bei der das Buffet 25 Euro kostet und man glaubt, einen Euro Gewinn gemacht zu haben, wenn man sich für 26 Euro überfrisst.“
(Danke, Uli!)
– so brachte es ein Freund von mir einmal auf den Punkt. Er hatte verstanden.
Genug für Alle befreit uns von Überkonsum, Stress, Überforderung und schenkt uns Lebensfreude, Sinn, Gerechtigkeit – und die Aussicht, als Menschheit überleben zu dürfen.
Reicht das nicht, um es wenigstens zu versuchen?
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