Die Zeit der Verluste

Die Zeit der Verluste

Die Zeit der Verluste

 

Tabea Schünemann

Ich sitze im Zug und lese über das, was Daniel Schreiber unsere „Zeit der Verluste“ nennt. In der Bahnhofsbuchhandlung hatte dieses Buch mich förmlich angesprungen. Denn das ist das, was mein Leben im Moment oft bezeichnet: Unterwegssein und in Bahnhofsbuchhandlungen Trost für mein unstetiges Leben suchen. Diese Mal also in einem Buch mit buntem Umschlag und wenigen Seiten, die aber auf treffende Weise dem Ausdruck verleihen, was ich nicht ausdrücken kann. Dem Worte geben, für das es keine Worte gibt. Einen Umgang mit Gefühlen, für die wir keinen Umgang haben: Trauer und Verlust.

Wir alle verlieren die ganze Zeit irgendetwas.

Zur Zeit: Meine Oma ihre Erinnerungen, ihre Orientierung, ihre Selbstbestimmtheit. Mein Vater seine selbstbestimmte Mutter. Ich einen Vater, der scheinbar durch nichts zu erschüttern war. Unsere Gesellschaft ihr Gefühl von Sicherheit und Unverletzbarkeit. Der Mensch sein Gefühl des Unberührtseins von der Natur. Wir erfahren, dass Werte wie Frieden und Demokratie angreifbar sind und die Würde des Menschen sehr wohl antastbar. Wir verlieren das Gefühl, von dem allen nicht angetastet zu sein. Die junge Generation verliert das, von dem wir dachten, dass es Jungsein ausmacht: Leichtigkeit und das Gefühl, unsterblich und unbesiegbar zu sein. Die anderen Generationen verlieren ihre Gewissheit, nicht alles, aber es doch für uns besser gemacht zu haben. Wir verlieren die Erzählung von Fortschritt und endlosem Wachstum. Davon, dass immer alles besser wird und es nur einen Weg gibt: den nach oben. Wir erfahren unsere Begrenzungen. Ich verliere die Gewissheit, alles kontrollieren zu können, wenn ich mich nur genug anstrenge. Ich verliere Vorstellungen von meinem Leben und mir selbst. Ich verliere Menschen und Orte, von denen ich dachte, dass sie für immer oder noch lange zu mir gehören würden.

Das alles tut verdammt weh. Ich glaube, das ist meine Botschaft hier, wenn ich überhaupt eine habe: Veränderungen geht nicht ohne Verlust und Schmerz. Ich verstehe, dass niemand auf etwas verzichten will. Dass man unangenehmen Dingen aus dem Weg gehen will, weil sie, nun ja, unangenehm sind. Aber wenn wir gesellschaftliche Veränderung hin zu einem klimagerechten Leben wollen, müssen wir vielleicht wie eine Ärztin bei der Impfung zugeben: Das wird jetzt kurz wehtun. Wir werden Dinge verlieren und aufgeben müssen. Zum Beispiel: Das Ideal eines guten Lebens, das sich dadurch zeigt, möglichst viel von der Welt gesehen zu haben. Oder möglichst viel zu besitzen. Einen Freiheitsbegriff, der Freiheit so versteht, immer alles machen und bekommen zu können. Das Gefühl, uns das alles ja verdient zu haben.

Gleichzeitig gibt es innerhalb der Klimagerechtigkeitsbewegung einen Teil, der das betont, was wir gewinnen können. Oder auch, worauf wir jetzt schon verzichten. Und: worauf andere die ganze Zeit schon verzichten, damit wir es so gut haben, wie wir es haben. Dass dieser Wohlstand hier nur durch den „Übelstand“ dort überhaupt zu erreichen und zu halten ist. 

Was wir gewinnen können: Gesundheit, Gerechtigkeit, Selbstwirksamkeit, Gemeinschaft, Freiheit von Stress, Angst und Leistungsdruck, Städte, die für uns gebaut sind, kurz: Luft zum Atmen, wörtlich und metaphorisch.

Trotzdem finde ich es wichtig, das Gefühl von Verlust, das sich bei alldem erst einmal einstellt, nicht direkt wegwischen zu wollen.
Menschen zuzuhören und ihre Verlustängste ernst zunehmen ohne, dass man dadurch aufhört, Klimagerechtigkeit zu fordern und zu leben.
Das wünsche ich mir von der Politik und von uns allen.

Tabea Schünemann

 

Drei bittere Wahrheiten zur Klima-AnpassungKlimaanpassung

Drei bittere Wahrheiten zur Klima-AnpassungKlimaanpassung

Drei bittere Wahrheiten zur Klima-Anpassung

 

Roland Vossebrecker

Da in absehbarer Zeit die 1,5°-Grad-Grenze überschritten werden wird, macht ein neuer Begriff in der Klimadebatte die Runde: Anpassung.

Dazu drei bittere Wahrheiten:

Klima-Anpassung ist nötig

Keine Frage, natürlich ist sie nötig. Staaten und Regierungen sind in der Verantwortung, ihre Bürger*innen zu schützen, auch gegen die Folgen des Klimawandels. Städte müssen gegen Hitze gewappnet werden, mit Grünanlagen, mit öffentlichen Kühlräumen und Trinkwasser-Spendern. Dämme müssen gegen steigende Meeresspiegel erhöht werden, Wälder durch andere und diversere Baumarten resilient gemacht werden u.v.a.m.

Die heraufziehende Gefahr sollte man nicht unterschätzen, denn die Katastrophen werden kommen, immer häufiger, immer heftiger. Eine vorsorgende Risiko-Planung ist da unabdingbar. Und das wird richtig teuer!

Klima-Anpassung ist das Eingestehen des Scheiterns

Denn die Anpassung an die neue Klimarealität ist nötig, weil die Menschheit beim Verhindern des Klimawandels versagt hat. Die nun für die Anpassung notwendigen finanziellen Mittel wären für die Verhinderung der Klimakatastrophe besser investiert gewesen. Was bleibt ist, mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln die Katastrophe einzudämmen. Es bleibt, um jedes Zehntel, um jedes Hundertstel Grad zu kämpfen.

Denn immer noch gilt: Die Vermeidung des Schlimmsten ist viel günstiger als die Katastrophe selbst. Und diese wird nicht nur in € und $ bezahlt, sondern mit Menschenleben.

Klima-Anpassung ist ungerecht

Während Deutschland es sich leisten kann (bei allen aktuellen haushaltspolitischen Engpässen) in Klimaanpassung und in die Beseitigung der Schäden zu investieren, haben die meisten Länder des Globalen Südens diese Möglichkeiten nicht, obwohl sie noch viel heftiger von den Katastrophen betroffen sind. Wie soll Somalia auf die verheerenden Fluten reagieren, die das arme Land nach Jahren einer verheerenden Dürre trafen? Was kann ein Bürgerkriegsland wie Libyen ausrichten nach einem Sturm, der im September ca. 20.000 Menschenleben forderte und die Stadt Darna fast vollständig verwüstete? Und wer redet überhaupt noch über diese Ereignisse – und wer hilft?

So bitter nötig, wie die Klima-Anpassung auch ist: Sie vergrößert globale Ungerechtigkeiten ins Unerträgliche.

 

Da bleibt die Frage: Wie passen wir, Du und ich, uns an?

Einmal mehr sollten wir uns bewusst machen, in was für einer privilegierten Situation wir leben. Die Bedrohungen sind für uns (noch!) relativ moderat. Von Hungersnöten oder Hurrikans sind wir nicht bedroht. Aber wir sollten sensibel sein, besonders in Hitzewellen und Extremwetter-Ereignissen und den besonders empfindlichen und verletzlichen Menschen beistehen.

An die Politik gerichtet muss die Forderung lauten, gemäß dem Verursacher-Prinzip die betroffenen Ländern des Globalen Südens zu unterstützen. Das ist keine Frage von Wohltätigkeit, sondern von Fairness.

Und wie immer sollten wir das, was wir fordern auch leben: Wir müssen immer wieder unsere Fähigkeit zur Solidarität schärfen und unseren Wohlstand mit jenen teilen, die tödlich bedroht sind und sich Anpassung nicht leisten können.

Roland Vossebrecker

 

Kollektive Verdrängung

Kollektive Verdrängung

Kollektive Verdrängung – „So schlimm wird es doch nicht werden“

 

Roland Vossebrecker

Ist die Klimakrise im Bewusstsein der breiten Bevölkerung, in der „Mitte der Gesellschaft“, wie man so sagt, angekommen? Ja und Nein:

Im ZDF-Politbarometer vom April 2023 waren 48 % der Befragten der Meinung, es würde zu wenig für den Klimaschutz getan. So weit, so gut, aber im Januar 2024 waren es nur noch 35 %, 22 % hielten die Maßnahmen für gerade richtig, und für atemberaubende 37 % gingen die Maßnahmen zu weit.

Natürlich gibt es sie, die Menschen, die begriffen haben, was auf dem Spiel steht, die sich engagieren, die kämpfen, um das Schlimmste noch zu verhindern. Aber noch mal: Ein sattes Drittel der Deutschen ist der Meinung, es würde zu viel für den Klimaschutz getan!

Dazu kommt, dass gar zu Viele zwar für mehr Klimaschutz sind, aber gegen Maßnahmen, die sie selbst betreffen. Klimaschutz sollen die anderen machen, aber ein Windrad in Sichtweite möchte man dann doch lieber nicht, und kosten soll der Klimaschutz natürlich auch nichts.

Also doch eher nein, auf jeden Fall nicht ausreichend. Und dies trotz jahrzehntealter wissenschaftlicher Erkenntnisse und immer drastischerer Weckrufe:

  • Bereits 2019 hatten 11.000 Wissenschaftler*innen gewarnt, wenn sich das menschliche Verhalten, das zu Treibhausgasausstoß und anderen den Klimawandel begünstigenden Faktoren führt, nicht grundlegend und anhaltend verändere, sei „unsägliches menschliches Leid“ nicht mehr zu verhindern.
  • UN-Generalsekretär António Guterres sparte auf der Weltklimakonferenz im ägyptischen Scharm el Scheich nicht mit deutlichen Formulierungen: „Wir sind auf dem Highway zur Klimahölle mit dem Fuß auf dem Gaspedal.“ und „Entweder gibt es einen solidarischen Klimavertrag oder einen Vertrag zum kollektiven Selbstmord.“ 
  • Ein internationales Team in den „Proceedings“ der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften („PNAS“) schreibt in ihrer Studie „Klima-Endspiel: Erforschung katastrophaler Szenarien des Klimawandels“, dass dieser im schlimmsten Fall zum Aussterben der Menschheit führen könnte. 

Quelle: ZDF

 

Was sind die Ursachen dieser kollektiven Verdrängungsleistung? Aus welchen Gründen machen sich viele Menschen mehr Sorgen um ihren Mallorca-Urlaub als um eine eskalierende Klimakrise? Wieso haben viele mehr Angst vor Klimaschutz als vor der heraufziehenden Klimakatastrophe? Wieso leben die meisten Menschen ihr Leben mehr oder weniger unbeeindruckt von den wissenschaftlichen Warnungen weiter wie bisher?

Eine einfache Antwort kann es nicht geben und Ursachen für menschliches Verhalten sind immer vielfältig.

Die Lobby

Die fossile Lobby war nicht untätig. Seit Jahrzehnten werden Desinformationen gestreut und Zweifel am menschengemachten Klimawandel gesät. Als sich dieser nicht mehr leugnen ließ, ging man dazu über, die Verantwortung den „Verbraucher*innen“ in die Schuhe zu schieben und gleichzeitig mit verführerischen Greenwashing-Angeboten die Kundschaft einzulullen. Die Werbung trägt ihren Teil dazu bei: „Rette die Meere mit Shampoo!“ 

Die Gesellschaft

Menschen orientieren sich an anderen, an ihrem sozialen Umfeld, an gesellschaftlichen Normen. Selbst in offensichtlichen Notsituationen reagieren die meisten nicht, wenn auch andere die Warnzeichen ignorieren. Das haben sozial-psychologische Studien gezeigt. (So z. B. in der sogenannten „Rauchstudie“, bei der nur 10 % der Probanden Alarm schlagen, wenn Rauch ins Zimmer strömt, aber andere Anwesende nicht darauf reagieren.)

Mit unserer gelebten „Normalität“ bestätigen wir uns gegenseitig täglich, dass uns die Klimakrise nicht betrifft.

Die Politik

Dramatisch verschärft wird dieser Effekt dadurch, dass die Weckrufe keinen Widerhall in politischem Handeln haben. Die Warnung vor einem möglichen Aussterben der Menschheit sollte doch eigentlich Anlass genug für einen Krisengipfel sein, aber ein solcher ist nicht in Sicht. Reaktionen der politischen Akteur*innen bleiben regelmäßig aus, und die alljährlichen Weltklimakonferenzen können mit ihrer routinierten Ergebnislosigkeit beim besten Willen nicht als Krisengipfel wahrgenommen werden.

Wenn dann auch noch prominente Politiker*innen allen wissenschaftlichen Warnungen und Erkenntnissen ausdrücklich widersprechen (Friedrich Merz: „Es ist eben gerade nicht so, dass morgen die Welt untergeht. Wenn wir in den nächsten zehn Jahren die Weichen richtig stellen, sind wir auf einem guten Weg“), dann muss nicht mehr verwundern, dass der Eindruck entsteht, es sei ja alles doch gar nicht so schlimm.

Die Medien

Eine besondere Verantwortung kommt auch den Medien zu. Eine falschverstandene „Meinungsvielfalt“, das Nebeneinander von populistischen Falschbehauptungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen trägt massiv zur Verunsicherung bei. 

„Jede*r hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten.“

Eckart von Hirschhausen (und viele andere)

Es ist nicht lange her (Mai 2023), da musste der Klimaforscher Mojib Latif bei Markus Lanz das verlogene Geschwätz eines AfD-Menschen ertragen. Warum gibt man solchen Leuten eine Bühne für ihre Lügen? 

https://weact.campact.de/petitions/keine-buhne-fur-nazi-propaganda-im-orr 

Das Argument, ein gestandener Wissenschaftler wie Latif müsse solche Unwahrheiten doch leicht entkräften können, zieht leider nicht: Wer Lügen glauben will, der glaubt sie eben! Die rechten Populisten wissen sehr genau, wie verführerisch ihre Lügen sind. Eine Welt ohne Klimawandel wäre ja viel bequemer und sorgenfreier, und so müssen auch die eigenen Privilegien nicht hinterfragt werden. Das Verständnis für wissenschaftliches Denken und das Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse werden so systematisch diskreditiert. 

Markus Lanz schlug in dieselbe Kerbe, als er im Gespräch mit Carla Rochel („Letzte Generation“) die unsägliche Frage formulierte: „Aber woher weiß die Wissenschaft das?“. Verantwortungsvoller Journalismus geht anders! Ganz anders!

Auch an anderer Stelle werden die Medien vielfach ihrer Verantwortung nicht gerecht.

„Die Medien haben es versäumt, diejenigen, die für die Zerstörung unserer Biosphäre verantwortlich sind, zur Rechenschaft zu ziehen, und agierten praktisch als Wächter des Status quo. Angesichts der Größe unserer Mission und der Zeit, die uns zum Handeln bleibt, gibt es ehrlich gesagt keine andere Instanz als die Medien, die die Möglichkeit hat, die notwendige Transformation unserer globalen Gesellschaft herbeizuführen. Damit dies geschieht, müssen sie beginnen, die Klima-, Umwelt- und Nachhaltigkeitskrise wie die existenzielle Krise zu behandeln, die sie ist. Es muss die Nachrichten dominieren.“

      Greta Thunberg, The Climate Book

Es muss die Nachrichten dominieren! Aber das passiert (noch) nicht. 

Natürlich wird über die sich häufenden Klimakatastrophen und über die unzähligen Weckrufe der Wissenschaft berichtet. Im Hitzesommer 2023 mit weltweiten Rekordtemperaturen, Waldbränden und Überschwemmungen sind die Nachrichten voll davon. Aber die Dramatik solcher Meldungen verpufft augenblicklich, wenn unmittelbar danach Elon Musks Ego-Trip seiner SpaceX-Riesenrakete gefeiert und das Ausscheiden des FC Bayern München aus der Champions League als die eigentliche nationale Katastrophe beklagt wird.

Es fehlen die Kontexte, die Zusammenhänge, die Konsequenzen. Wer würde es wagen, nach einer Formel-1-Berichterstattung auf die verheerende CO2-Bilanz einer solchen Veranstaltung hinzuweisen? Selbst neben hervorragenden Artikeln zur Klimathematik finden sich immer wieder Werbeanzeigen für Kreuzfahrten oder SUVs. So werden die Botschaften, die Appelle, die Warnungen auf schnellstem Wege neutralisiert. 

Während ich diese Zeilen schreibe, werden Tourist*innen von der griechischen Insel Rhodos evakuiert und vor den Bränden in Sicherheit gebracht. Gleichzeitig landen weitere Ferienflieger auf Rhodos. Wer würde den Hinweis wagen, dass es in Zeiten einer eskalierenden Klimakrise keine so gute Idee ist, in den Urlaub zu fliegen und damit die Krise weiter anzuheizen?

Nun wird medial diskutiert, ob 2050 noch jemand am Mittelmeer Urlaub machen wird. Da heißt es, dass der italienischen Tourismusbranche Einbußen von 52 Milliarden Euro drohen – wenn die Durchschnittstemperatur um 4° Grad ansteigt. Was für ein falscher Fokus! Warum wird nicht vermittelt, dass es bei vier Grad nicht mehr um den Urlaub, sondern ums Überleben geht?

Nötig wäre es…

 

Unsere Aufgabe

Wie also können wir Menschen erreichen, aufwecken, überzeugen?
Klima-Kommunikation ist eine schwierige Angelegenheit. Meiner Überzeugung nach braucht sie, neben Geduld und Fingerspitzengefühl, im Wesentlichen drei Schritte: 

  • Die drohende Gefahr klar benennen. Was steht auf dem Spiel?
  • Verantwortlichkeiten und Handlungsspielräume aufzeigen. Welchen Beitrag kann/muss ich leisten?
  • Eine positive Vision. Was können wir gewinnen?

Roland Vossebrecker

 

P. S. Eine sehr positive Initiative (unter vielen) ist das Netzwerk Klimajournalismus

Es gibt Journalist*innen das notwendige Knowhow an die Hand, um kompetenter, umfassender und seriöser über die Klimakrise berichten zu können.

Generationengerechtigkeit

Generationengerechtigkeit

Generationengerechtigkeit – Gastbeitrag der

BUNDjugend Kürten

Hannah, Simon und Joshua Käsbach

Unsere Perspektive auf Generationengerechtigkeit und warum das wichtig ist

Hey, wir sind die BUNDjugend Kürten, eine Gruppe von engagierten Jugendlichen, die sich für ein gerechteres Kürten (eine Gemeinde im Bergischen Land) einsetzt. Allgemein setzt sich die BUNDjugend mit vielfältigen Workshops, Projekten, Bündnisarbeit und vielem mehr für soziale, ökologische und globale Gerechtigkeit ein, sprich Klimagerechtigkeit.

Wir wollen in diesem Beitrag Generationen-Gerechtigkeit beziehungsweise -Ungerechtigkeit beleuchten. 

Vorweg möchten wir betonen, dass wir diesen Text zu dritt geschrieben haben und wir deshalb natürlich nur eine eingeschränkte Sicht auf dieses super vielseitige Thema einnehmen können.  Der Artikel kann diesem großen Thema auch deshalb nicht ganz gerecht werden und soll sozusagen nur ein Einstieg sein.  Zudem sind wir weiß und privilegiert und sind uns bewusst, dass wir deshalb rassistische Denkmuster (unbewusst) reproduzieren. Wir sind in einem Rassismus-kritischen Prozess, arbeiten also daran (was wir alle tun sollten!).

 

Was ist Generationengerechtigkeit überhaupt?

Generationengerechtigkeit heißt grob gesagt, dass junge und kommende Generationen in der Gegenwart und Zukunft dieselben Chancen haben sollten wie die Generationen vor ihnen.
Also vor allem, was die Befriedigung von Grundbedürfnissen wie Ernährungssicherheit, ein sicheres Zuhause etc. betrifft.
Dabei spielen Fragen zur Klimakrise, dem Artensterben, Umweltschutz und weitere soziale Fragen eine Rolle.
Außerdem sollten Politiker*innen und andere Menschen mit besonderer Verantwortung so handeln, dass die Lebensgrundlagen der jungen und künftigen Generationen gesichert und deren Perspektiven dabei mit einbezogen werden.

 

Warum ist das aktuelle System, in dem wir leben, generationenungerecht?

Zurzeit ist es so, dass die Zukunft von uns jungen Menschen stark gefährdet ist.
Entscheidungen, die unsere Zukunft betreffen, werden über unsere Köpfe hinweg getroffen und Menschen der älteren Generation entscheiden darüber. Oft wird uns nicht so viel zugetraut. Wir werden also aufgrund unseres Alters diskriminiert, weil wir zum Beispiel nicht so viel Lebenserfahrung haben und deshalb angeblich nicht so viel wüssten oder entscheiden könnten! Wir werden systematisch nicht beteiligt.  #adultismus 

Ein eindrückliches Beispiel dafür ist die Klimakrise.
Wir alle wissen, dass sich die Erde durch den Ausstoß von Treibhausgasen, wie CO2 oder Methan, erhitzt. Diese entstehen vor allem durch die Verbrennung fossiler Energien (Kohle, Öl, Gas) oder in der industriellen Landwirtschaft. Dadurch hat sich die Erde heute schon um etwa 1,2 °C erwärmt. Das hört sich nicht viel an, es hat aber heute schon krasse Folgen, wie etwa starke Dürren, Wasserknappheit, Fluten und weitere Naturkatastrophen. Und trotzdem steigen die Emissionen weiter und die Klimakrise wird angeheizt. Dadurch verlieren jetzt schon enorm viele Menschen ihre Lebensgrundlagen, vor allem im Globalen Süden. Das wird sich in Zukunft weiter verschlimmern. Wie schlimm, entscheidet sich in den nächsten Monaten und Jahren, je nachdem, wann wir endlich anfangen die Emissionen drastisch zu reduzieren. 

Genau deshalb ist auch unsere Zukunft gefährdet.
Unsere Lebensgrundlagen sind bedroht, weil Generationen vor uns Entscheidungen getroffen haben, ohne die Folgen für uns zu bedenken. Und genau das wird mehr oder weniger weiter gemacht.

Das ist absolut unfair, oder was meinst Du?

Gegen diese Ungerechtigkeiten sind junge Menschen schon in der Vergangenheit laut geworden und tun es weiterhin. Zum Beispiel eben durch Jugendorganisationen wie die BUNDjugend, Fridays for Future und einige mehr. Jahrelang wird nun schon gefordert, dass die Politiker*innen sowohl der historischen und der globalen Verantwortung als auch der Verantwortung gegenüber uns jungen Menschen und künftigen Generationen gerecht werden!

 

Was muss sich deshalb aus unserer Perspektive dringend ändern?

Es muss dringend gehandelt werden! Besonders in Bezug auf Klimagerechtigkeit, Natur- und Artenschutz.
Was dafür passieren muss, liegt auf der Hand.
Bei der Umsetzung dieser Maßnahmen müssen bisher diskriminierte Menschen, wozu eben auch wir jungen Menschen gehören, gehört und ernst genommen werden. Denn es kann nicht sein, dass weiter Entscheidungen gefällt werden, die unsere Zukunft zerstören!
Wir müssen endlich aktiv beteiligt werden und wirklich mitbestimmen dürfen!

Leider wird dies nicht von allein passieren.
Wir müssen uns gemeinsam dafür stark machen und Forderungen an Entscheidungsträger*innen stellen.
Wir haben ein Recht auf eine lebenswerte Zukunft!
Wir alle müssen die Möglichkeit haben, diese mitzugestalten.

Deshalb möchten wir Dich dazu ermutigen, Dich gemeinsam mit vielen großartigen Menschen zu engagieren und zu organisieren.
Lasst uns für unsere Rechte laut werden und zusammenhalten!
Zusätzlich braucht es Solidarität und Zusammenarbeit zwischen allen Generationen!

Also: Informiere dich weiter, werde laut und lass uns gemeinsam die Welt gerechter machen!

Hannah, Simon und Joshua Käsbach 

 

 

(Buchtipp, um dich weiter dazu zu informieren:
„Nehmt uns endlich ernst- Ein Aufschrei gegen die Übermacht der Alten“ von Ananda Klaar)

 

For cars or for people?

For cars or for people?

“For cars or for people?”

A Lebanese perspective on mobility

von Tabea Schünemann

 

In autumn 2023 I had the chance to study and live in Beirut, Lebanon. Although I had to leave after a few weeks because of the war in the Middle East, I´m still thankful for this experience and feel very enriched by it. The people in Lebanon have been facing one crisis after the other for the last years. Many of them have left the country, others are just trying to survive. Beirut, once seen as a middle eastern Paris, is a very wounded city. Still, they are so many amazing people, managing their lives, figuring out their role in this country, not giving up on hope. 

 

One of them is Chadi Faraj. I had the chance to meet him on one of his guided walking tours. When we walked around a beautiful city in the mountains of Lebanon, he told us about RidersRights, an NGO he founded with the aim to improve public transportation and mobility justice in Lebanon. Chadi, who describes himself as a “public transportation enthusiast”, is originally a telecom engineer. When he moved from a Lebanese village to Beirut to search for a job (“because that´s where you go in Lebanon”), he was trying to figure out the bus system there. At this point, you must know that there is a system. The buses have lines and routes they follow. But when Chadi arrived, there was no chance to find out about it and he wanted to change that. “So, I started to work on the busmap project”, he says. With his cofounder Jad Baaklini he made the bus system in Beirut visible for all on a map. Honestly, I don´t know how I would´ve used public transport in Beirut without that.

 

In 2016, they submitted for becoming an official NGO. After three years of time and energy consuming efforts and being refused by the government for details, they finally reached their NGO status. It became a community with now five board members and a lot of public recognition. They won many competitions, e.g. the “Switchmed Grassroot Initiative competition” in 2016 and are referred to in questions of mobility. “From two guys who started to break a narrative to being the reference”, Chadi says proudly. What does he mean by breaking a narrative? Their goal is to make public transportation accessible for all people. To do so, they want to break the former and still ongoing narrative about it being chaotic, not usable, dangerous, only for poor people. This segregates people.
Rich people” go by car, “poor people” by bus – a narrative that is also present in Germany in a way. Since the Lebanese society is very segregated (having experienced a civil war not very long ago), Chadi´s project brings together social and climate issues. They are present on social media, blogs, webinars, …. In one project people photographed and shared their bus rides. Other projects dealt with drivers during Covid or made deals with shopkeepers to get discount when you have a bus ticket. The idea is to get more people to using it, including disabled people and women. Their vision is mobility justice. Mobility for all. As our right. “It´s a public space. We think it´s common”. 

 

The idea is to improve and reflect the informal public transportation system that is already there and not replace it by “European” systems. To find solutions fitting their own situation – a challenge for the global answer to the climate crisis. Chadi sees RidersRights as “part of the global vision for mobility”.
They were present at COP28 and he sees it as a step, also in the mobility sector. It is very clear to him where the challenges for a change in mobility comes from: the fossil fuel industry and car´s companies. He asks the decisive question about mobility: “is it for cars or for people?” Electrical cars are only part of the solution for him. The answer lays in making mobility a priority in policies and investing in public transportation. 

 

The next steps for RidersRights are institutionalization, research, and partnership. With many projects and ideas, they are quite busy and happy about any help or donation. ☺ It´s not easy to hold this issue high in times of multidimensional crisis in Lebanon and the world. For me, each encounter with Chadi and his dreams, becoming true step by step, is very impressive. It´s inspiring to see how he saw a problem, connected himself with others and became creative in solving it, very aware of its social, political, and global dimensions they are dealing with as well.
For me, he´s an example of the impact individuals have – not only dedicating their own behaviors to climate-justice but helping others collectively to do so as well. 

 

 

Tabea Schünemann, January 2024 

This text is based on interviews with Chadi Faraj

For more information, see

ridersrights.me

One of the yearly campaigns that Riders‘ Rights do is to support its community, as it started in 2020 the Covid time by launching a crowdfunding campaign called “bus line heroes” to be in solidarity with the bus drivers of the informal bus system in Lebanon because especially the government didn’t give them any priority in vaccination and support. RR managed to collect for them a good amount of money to support them to relaunch their activity at the time of Covid, and this campaign was cohosted by TRU, the transits union of Seattle, who managed to create and share the campaign.

It became a yearly campaign to support the drivers and now also the riders of the bus system in Lebanon especially in this economic crisis that Lebanon lives in.

If you like to support the campaign donate here: 

gofundme.com

Thank you!

WIR FAHREN ZUSAMMEN _ Interview mit Lokführer Nils

WIR FAHREN ZUSAMMEN _ Interview mit Lokführer Nils

Wir fahren zusammen!

Interview mit Eisenbahnfahrzeugführer Nils

von Leandro Condjo

Nils Rasche, 23 Jahre Alt, Werkstudent bei der Rhein-Neckar Verkehr GmbH tätig als Eisenbahnfahrzeugführer

Wie gefällt dir dein Beruf? 

Als studentischer Fahrer finde ich meinen Job ganz cool. Ich werde nach Tarifvertrag bezahlt, was für einen studentischen Job gut bezahlt ist, im Vergleich Hiwi – oder Gastro- Jobs. Man muss in Relation sehen, dass dies nicht mein Vollzeitjob ist und ich keine Mitglieder im Haushalt habe, die ich versorgen muss. Mir gefällt die flexible Arbeitseinteilung, welche natürlich auch der Personalsituation geschuldet ist. Wenn ich arbeiten will, gibt es immer was: Ich kann spontan anrufen und einem Dienst zugewiesen werden. Wenn ich nicht arbeiten will, arbeite ich nicht. Im Vergleich zu vorherigen Jobs habe ich das Gefühl, dass ich hier etwas sinn-stiftendes mache. Vorher hatte ich einen normalen Bürojob, welcher mich inhaltlich nicht interessiert hat. Mir gefällt der soziale Mehrwert, den ich beitragen kann.

Was erhoffst du dir aus den kommenden Tarifverhandlungen?

Die RNV hat einen Haustarifvertrag, welcher im Gegensatz zu dem Flächentarifvertrag erst nächstes Jahr verhandelt wird. Ich habe gehört, dass sich ein Tarifvertrag erhofft wird, in welcher unter anderem geteilte Schichten abgeschafft werden sollen. Dort kommt man z.B. um 10 Uhr morgens zum Schichtbeginn – man fährt bis 13 Uhr und danach hat man 4 Stunden unbezahlte Pause, bis man den Dienst wieder antritt. Man hängt in der Zwischenzeit herum – in meinem Fall lohnt es sich nicht, in der Zeit Nachhause zu gehen. Speziell für die RNV würde ich mir eine Samstagszulage wünschen. Die ist eigentlich in der Branche üblich. Es gibt auch Sonntags- und Nachtzulagen. Ich finde, das müsste honoriert werden. Ich bin in Teilzeit mit einem Beschäftigungsgrad von 11% angestellt. Aber aktuell arbeite ich im 40 bis 50 Prozent Bereich. Dafür werde ich bezahlt, aber Urlaubsanspruch, Weihnachtsgeld und Inflationsausgleich bemessen sich anhand der 11 Prozent. Bei der Hamburger Hochbahn gefordert, dass im Tarifvertrag ein Anspruch auf Anpassung des Vertrages vorgesehen wird, sodass der Vertrag an die tatsächlichen Begebenheiten angepasst werden können. Das wäre etwas, was sich viele Kolleg*Innen und ich wünschen.

Wie entstand der Kontakt zu der Initiative „wirfahrenzusammen“?

Ich habe einen parteipolitisch aktiven Freund, welcher bei dem Plenum von wfz dabei war. Er meinte, dass das doch vielleicht etwas für mich wäre.  

Wie ist zurzeit die Stimmung unter den Mitarbeitenden des Ö(PN)V? 

In den typischen Pausen-Rundfunk Gesprächen geht es meistens nicht um den Lohn, sondern es wird sich am meisten über die Einteilung der Dienste und die Menge der Arbeit unterhalten. Das scheint der größte Knackpunkt zu sein. Seit 2 Jahren werden ständig Ruhetage durchgefahren und unter dem Stammpersonal werden Hunderte von Überstunden angehäuft und somit die Grenzen der betrieblichen und gesetzlichen Arbeitszeitregeln ausgeschöpft. Die Zeit zwischen den Diensten ist oft nur 10 Stunden und hier muss man sich entscheiden, ob man nun schläft oder Sachen zu erledigen hat. Das führt zu einem relativ hohen Krankenstand. Trotz alldem kann das Regelangebot nicht erhalten werden, was megafrustrierend ist. Nach meinem Empfinden geht es um die tatsächliche Lohntabelle relativ selten.

Gab es für dich einen Bezug zu dem Thema Klimawandel/Klimaschutz bevor „wirfahrenzusammen“? 

Ich würde mich nicht als „Klimaaktivist“ bezeichnen, aber ich war schon auf der ein oder anderen Fridays for Future Demo dabei. Ich bin an der Hochschule bei linkspolitischen Gruppen aktiv. Es ist immer ein Thema, obwohl es keine Gruppe ist, die sich am Klima-Aktivismus orientiert.

Sowohl die Klimagerechtigkeitsbewegung als auch die Gewerkschaften verfolgen mit WFZ gemeinsame Ziele? Wie empfindest du die Zusammenarbeit?

In der Ortsgruppe Heidelberg läuft das sehr gut, wir werden von der zuständigen Gewerkschaftssekretärin von ver.di unterstützt, zum Beispiel bei dem Mieten von Räumen und das Knüpfen von Kontakten mit gewerkschaftlichen Strukturen im Betrieb. Eher ist die Durchdringung in die Belegschaft hinein ein Problem. Das ist die deutliche härtere Nuss, weil wirfahrenzusammen (noch) überwiegend aktivistisch geprägt ist. Die Belegschaft ist stark unterrepräsentiert – neben mir gibt es noch einen aktiven studentischen Fahrer (bei wfz). In anderen Ortsgruppen ist gar kein Fahrpersonal beteiligt. Wir arbeiten daran, über die Vertrauenspersonen ver.dis im RNV-Betrieb mehr Aufmerksamkeit von der Belegschaft zu bekommen.

Hast du Vermutungen, warum es schwierig ist zur Belegschaft durchzudringen?

Wir haben Applaus erhalten, nach dem wir uns im Betrieb vorgestellt hatten und im Zuge dessen haben wir Termine zum persönlichen Kennenlernen organisiert. Die eingeladenen Vertrauenspersonen sind nicht erschienen mit der Entschuldigung, dass sie fahren müssen. Ich denke nicht, dass dies alles erklärt. Ich glaube, dass Aktivismus und Fahrdienst demografische Unterschiede aufweisen, insbesondere das der Aktivismus akademisch geprägt. Da kommen Faktoren wie Alter, Familienverpflichtungen und Verfügbarkeit von Freizeit dazu.

Wir werden in der Zukunft solche Termine früher ankündigen, damit diese nicht in Konflikt mit den Dienstplänen kommen.

Was konnten Klimaaktivist*Innen und Mitarbeitende des Ö(PN)V durch die gemeinsame Arbeit voneinander oder übereinander lernen? 

Da habe ich nicht so viel mitbekommen. Ich wünsche mir von meinen Kolleg*Innen in der Belegschaft, dass sie sich mehr den Idealismus und Handlungswillen der Klimagerechtigkeitsbewegung aneignen würden. Mir ist bewusst, dass die Alltage von Aktivist*Innen und Mitarbeitenden stark unterschiedlich sind und dass das hier jetzt so leicht dahin gesagt klingt, weil die Alltage von ganz anderen Herausforderungen gezeichnet sind, aber ein bisschen mehr jugendlicher Idealismus wäre ganz schön. In der Ortsgruppe haben wir schon besprochen, dass Klimaaktivist*Innen die Anliegen der Belegschaft mehr berücksichtigen sollen. Zum Beispiel hatten wir in der Heidelberger Ortsgruppe eine Diskussion über unseren Standpunkt zu den Themen 9€-Ticket und kostenloser Nahverkehr, welche ich persönlich befürworte. In der bundesweiten Vernetzung von wirfahrenzusammen haben wir mitbekommen, dass die Sorgen des Fahrpersonals, die damit einhergehen, nicht ernst genommen worden und Diskussionen abgewürgt worden sind. Es ist belegt, dass in der Laufzeit des 9€-Tickets es zu mehr Übergriffen auf das Fahrpersonal kam und in überfüllten Fahrzeugen gefährliche Situationen entstanden sind. Es hat sich auch Fahrpersonal gemeldet, welches auch Opfer eines Überfalls wurde. Ich finde, dass dies in die Diskussion einfließen sollte, was in der Ortsgruppe Heidelberg gut funktioniert.

Wie stehst du zu der „Verkehrswende“? Was müsste sich deiner Meinung nach in Deutschland ändern? (Bevölkerung, Politik, Betrieb etc…) 

Das ist eine sehr sehr große Frage, bei welcher ich nicht weiß wo ich da Anfangen sollte. Bei der Verkehrswende sollen Leute vom motorisierten Individualverkehr zu allen anderen Verkehrsformen geholt werden wie Fahrrad und ÖPNV. Da kann man mit Maßnahmen wie dem 9€-Ticket arbeiten, aber der ÖPNV ist schon an seiner Kapazitätsgrenze – Die Straßenbahn in Mannheim ist oftmals so voll, dass die Türen nicht mehr zu gehen. Ein vergünstigtes Ticket ist politisch einfach und zeigt sofort Wirkung. Schwieriger ist der Ausbau, welcher damit einhergehen muss. Da tut sich die Politik oft schwierig – mit Sachen die langfristig angelegt sind und Zeit brauchen bis sie positive Ergebnisse liefern. Der Ausbau ist nun mal mühsam und aufwendig. Da bräuchte es mehr politischen Mut: Aus den Kreisen der Union hört man oft über ein Nebeneinander der Verkehrsformen, wobei man die Verkehrsmittel nicht gegeneinander ausspielen darf. Dieses Argument halte ich für eine Farce – außerhalb von Ballungsräumen muss man die ÖPNV-Angebote verbessern, aber in der Stadt muss dem motorisierten Individualverkehr Platz weggenommen werden. Der Fahrradweg wird nur gebaut, wenn dafür eine Reihe Parkplätze oder eine Autospur wegfällt. Ansonsten kommt er nicht. Das sieht man in Heidelberg, da hier die Stadtverwaltung den ÖPNV gleichberechtigt mit allen anderen Verkehrsteilnehmenden sieht. In Mannheim ist die Straßenbahn an allen Ampeln bevorrechtigt und kann Einfluss auf die Ampelschaltung nehmen. In Heidelberg ist das nicht gewollt, was die Zuverlässigkeit senkt. Langfristig kann man nicht nur den ÖPNV immer attraktiver machen, sondern es muss auch der MIV (motorisierter Individualverkehr) unattraktiver gemacht werden.

Gibt es irgendwas, was du der Klimagerechtigkeitsbewegung mitgeben möchtest?

Ich wünsche mir, dass Klimagerechtigkeitsbewegungen ihre Kräfte mehr bündeln würden. Ich habe das Gefühl, dass dieses Problem oft in linkspolitischen Projekten auftaucht. Aufgrund von kleinen Meinungsverschiedenheiten wird nicht mehr zusammengearbeitet, z. B. im Hinblick auf Solidarität mit der letzten Generation. Diese Konflikte sorgen dafür, dass viel Energie in das sich einig werden investiert werden muss. Dafür habe ich keine Lösung, aber es sollte mehr Energie in die Verwirklichung der Ziele fließen. 

Das Interview führte Leandro Condjo.