BÖSE WÖRTER

BÖSE WÖRTER

BÖSE WÖRTER

von Roland Vossebrecker

Böse Wörter

in der Klimakommunikation, Wörter wie Verantwortung, Schuld, Scham, Katastrophe, Angst, die wir lieber umgehen, verdrängen, vermeiden wollen.

 

Verantwortung 

Wieso ist „Verantwortung“ ein böses Wort? 

Wir möchten doch so gerne die Politiker*innen, die Wirtschaft, die Industrie etc. zur Verantwortung ziehen – und das ist ja auch absolut notwendig und richtig!

Nun ja, weil ich die eigene Verantwortung meine. Es gehört zu den natürlichen menschlichen Reflexen, bei allem Ungemach sofort anderen die Verantwortung zuzuschieben, sei es der*m Arbeitgeber*in, der Bundesbahn, dem Bundestrainer, dem Ehepartner, vor allem „denen da oben“. 

An die eigene Verantwortung möchte man lieber nicht erinnert werden. Sie anzunehmen ist anspruchsvoll und unangenehm, aber meiner Überzeugung nach zwingend notwendig. Sie muss sich auf die Zukunft richten, aber sie entsteht auch aus den Fehlern der Vergangenheit. 

Versagen

Sprechen wir es ruhig mal aus: Wir haben versagt! Wir, das ist meine Generation, meine Gesellschaft und ich ein Teil von ihr. Wachstums-, Wohlstands- und Fortschrittsversprechungen haben uns blind gemacht für die Kollateralschäden unserer Lebensweise. Die verführerische Bequemlichkeit unseres Konsummodells hat bei zu vielen – mich eingeschlossen – den hinterfragenden Blick zu lange getrübt.

Daraus ergibt sich eine

Schuld.

Diese anzuerkennen ist ein Schritt, der noch schmerzlicher aber gleichermaßen notwendig ist. Unsere Wohlstandsgesellschaft hat sich jahrzehntelang einbilden können, dass „alles immer besser wird“. Die Krisen des Klimas, des Artenschutzes, der globalen Gerechtigkeit holen uns nun ein, und wir müssen uns eingestehen, was wir bereits für einen Schaden angerichtet haben. 

Wie könnte eine ehrliche Auseinandersetzung mit MAPA (Most Affected People and Areas), mit betroffenen Menschen im globalen Süden ohne aufrichtiges Schuldgeständnis sonst möglich sein? 

Aus Schuld entsteht

Scham,

ein unangenehmes Gefühl, das aber zu einer gewissen Demut führen kann, – und führen sollte, in Anbetracht dessen, was auf die Menschheit zukommt. Denn das ist nichts weniger als eine lebensbedrohende

Katastrophe,

denn „Erderwärmung“ oder „Klimawandel“ sind verharmlosende Begriffe für Ereignisse, die sich bereits heute abspielen, die in Zukunft immer häufiger und heftiger auftreten und die „unsägliches menschliches Leid“ verursachen werden – so die Formulierung von 11.000 Wissenschaftler*innen in ihrem Aufruf zum „Klima-Notfall“ 2019.

Auch ein Worst-Case-Szenario, bei dem wegen einer Kettenreaktion der verschiedenen Kipppunkte im Klimasystem die Erhitzung so sehr außer Kontrolle gerät, dass das Überleben der Menschheit in Frage steht, wird von wissenschaftlicher Seite ernsthaft diskutiert.

Wie entmutigend ist es, den schlimmsten Fall vor Augen zu haben? Wie notwendig ist es, sich auch den schlimmsten Fall vorzustellen? Wie viel

Angst

macht das und wie geht man damit um? Es gehört sich nicht, von Angst zu sprechen, denn Angst kann lähmen, kann zu Verzweiflung und Resignation führen. 

Und doch:

„I want you to feal the fear I feal every day…” 

 

Ich möchte mal wieder persönlich werden:

Vielleicht sind es doch keine „bösen Wörter“, sondern – richtig verstanden – Anstöße, zum raus-aus-der-Passivität, raus aus dem man-müsste-mal-Modus, Anstöße zum aktiven Handeln.

Verantwortung, Schuld und Scham anzunehmen und mit Aktivismus zu begegnen, ist für mich der einzig gangbare Weg, und für mich die beste Weise, mit der der Angst vor den drohenden Katastrophen umzugehen:

Ich weiß um meine Verantwortung und um meine Schuld, ich schäme mich dafür, versagt zu haben, viel zu spät begriffen zu haben und viel zu langsam vom Verstehen zum Handeln gekommen zu sein, ich weiß von den Katastrophen, die heute passieren und von jenen, die der Menschheit noch bevorstehen, selbst im günstigsten Falle eines unter-2°-Szenarios. Und ich habe Angst!

Aber all das motiviert mich, weiterzumachen, zu kämpfen um jedes Zehntel Grad, um jedes Stückchen Gerechtigkeit, für die Vision eines besseren, klimagerechten Lebens.

“…and then I want you to act!” (Greta Thunberg)

 

 

Roland Vossebrecker

VERZICHT NEU BESETZEN

VERZICHT NEU BESETZEN

Verzicht neu besetzen

von Roland Vossebrecker

Verzicht neu besetzen

Christian Lindner: 

„Es sind hierzulande – in Deutschland insbesondere – ja viele unterwegs, die predigen einen Verzicht auf Wachstum.“

„Manche wollen Klimaschutz machen mit Askese, Verbot, Verzicht, kein Wachstum – der Lebensstandard des Jahres 1995, so schlecht war der doch auch nicht –; kann man alles wollen! Wir werden auf dem Wege möglicherweise auch Moralweltmeister werden. (…)“

Verzicht ist ein Begriff, der in der politischen Debatte ziemlich in Verruf geraten ist, – nein, der systematisch in Verruf gebracht wurde. Schon die immer wieder anzutreffende Formulierung des predigen dient dazu, Verzicht als religiös oder sektiererisch zu diffamieren. Als ginge es ums Predigen und nicht ums Praktizieren!

Auch „Klimakanzler“ Olaf Scholz stieß ins selbe Horn:

 „Der gemeinsame Konsens dieser Regierung besteht nicht darin, überall Verzicht zu predigen – das tun wir gar nicht –, sondern auf technologischen Fortschritt und dynamisches Unternehmertum zu setzen.“

Verzicht wird zum Tabu, kaum jemand mag noch drüber sprechen, schon gar nicht in der Politik. Das überall gelebte und propagierte Ideal ist das der „Freiheit“, das leider zu einem Synonym für Rücksichtslosigkeit und Egoismus verkommt.

 

Brauchen wir eine neue Definition des Begriffes? Wie können wir den Verzicht neu formulieren und wieder positiv besetzen? Oder brauchen wir andere, unbelastete Begriffe?
Einige Vorschläge:

Suffizienz: 

Der Begriff wird im Sinne der Frage nach dem rechten Maß sowohl in Bezug auf Selbstbegrenzung, Konsumverzicht oder sogar Askese, aber auch Entschleunigung und dem Abwerfen von Ballast gebraucht. In allen Fällen geht es um Verhaltensänderungen (insbesondere) als Mittel des Umweltschutzes.
(Wikipedia)

 

Genügsamkeit: bezeichnet 

  • Bescheidenheit, eine zurückhaltende Verhaltensweise
  • Dankbarkeit, eine vom Dank erfüllte Haltung und Empfindung
  • Enthaltsamkeit, den Verzicht auf bestimmte Genussmittel
    (Wikipedia)

 

Minimalismus, Einfaches Leben: 

oder freiwillige Einfachheit bezeichnet einen Lebensstil, für den das Prinzip der Einfachheit zentral ist. Ein solches Leben kann sich beispielsweise durch die freiwillige Reduzierung des Besitzes – bekannt als Minimalismus – oder den Versuch der Selbstversorgung auszeichnen.
(Wikipedia)

 

Degrowth: bezeichnet eine Verringerung von Konsum und Produktion und damit auch des BIPs als ein Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit und Wohlbefinden.
(Lexikon der Nachhaltigkeit)

 

Das ist alles gut und richtig, aber vielleicht geht es auch ganz anders. Halten wir einfach dagegen:

 

Verzicht ist geil

Hierbei geht es um nicht weniger als um eine Geisteshaltung, eine Lebenseinstellung, um Widerstand gegen einen egoistischen und zerstörerischen Zeitgeist.

  • Mit dem Verzicht aufs Auto, Flugzeug, Kreuzfahrtschiff etc. verzichtet man darauf, den eigenen CO2-Fußabdruck extrem zu vergrößern.
  • Mit dem Verzicht auf fast fashion verzichtet man auf Sklaverei-artige Ausbeutung von Menschen, hauptsächlich von Frauen in Südost-Asien (Bangladesch, Kambodscha etc.) 
  • Mit dem Verzicht auf Fleisch verzichtet man auf die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes.
  • Mit dem Konsumverzicht unterlässt man das Vermüllen von Umwelt und Meeren, und auch des eigenen Lebens, denn:

Man kann nicht nur auf etwas, sondern auch für etwas verzichten!

  • Jeder Verzicht eröffnet auch Freiräume.
  • Verzicht befreit von unnötigem Krempel und schenkt dadurch das Wertvollste: Zeit.
  • Verzicht befreit von Schuld.
  • Verzicht rettet Leben. 
  • Verzicht verleiht das Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Zum Abschluss noch mal Christian Lindner: „Ich will nicht verzichten, und ich will auch nicht, dass andere verzichten müssen.“

Ob er mal darüber nachgedacht hat, auf was die Menschen in Somalia so alles verzichten müssen?

 

Roland Vossebrecker