Kollektive Verdrängung

Kollektive Verdrängung

Kollektive Verdrängung – „So schlimm wird es doch nicht werden“

 

Roland Vossebrecker

Ist die Klimakrise im Bewusstsein der breiten Bevölkerung, in der „Mitte der Gesellschaft“, wie man so sagt, angekommen? Ja und Nein:

Im ZDF-Politbarometer vom April 2023 waren 48 % der Befragten der Meinung, es würde zu wenig für den Klimaschutz getan. So weit, so gut, aber im Januar 2024 waren es nur noch 35 %, 22 % hielten die Maßnahmen für gerade richtig, und für atemberaubende 37 % gingen die Maßnahmen zu weit.

Natürlich gibt es sie, die Menschen, die begriffen haben, was auf dem Spiel steht, die sich engagieren, die kämpfen, um das Schlimmste noch zu verhindern. Aber noch mal: Ein sattes Drittel der Deutschen ist der Meinung, es würde zu viel für den Klimaschutz getan!

Dazu kommt, dass gar zu Viele zwar für mehr Klimaschutz sind, aber gegen Maßnahmen, die sie selbst betreffen. Klimaschutz sollen die anderen machen, aber ein Windrad in Sichtweite möchte man dann doch lieber nicht, und kosten soll der Klimaschutz natürlich auch nichts.

Also doch eher nein, auf jeden Fall nicht ausreichend. Und dies trotz jahrzehntealter wissenschaftlicher Erkenntnisse und immer drastischerer Weckrufe:

  • Bereits 2019 hatten 11.000 Wissenschaftler*innen gewarnt, wenn sich das menschliche Verhalten, das zu Treibhausgasausstoß und anderen den Klimawandel begünstigenden Faktoren führt, nicht grundlegend und anhaltend verändere, sei „unsägliches menschliches Leid“ nicht mehr zu verhindern.
  • UN-Generalsekretär António Guterres sparte auf der Weltklimakonferenz im ägyptischen Scharm el Scheich nicht mit deutlichen Formulierungen: „Wir sind auf dem Highway zur Klimahölle mit dem Fuß auf dem Gaspedal.“ und „Entweder gibt es einen solidarischen Klimavertrag oder einen Vertrag zum kollektiven Selbstmord.“ 
  • Ein internationales Team in den „Proceedings“ der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften („PNAS“) schreibt in ihrer Studie „Klima-Endspiel: Erforschung katastrophaler Szenarien des Klimawandels“, dass dieser im schlimmsten Fall zum Aussterben der Menschheit führen könnte. 

Quelle: ZDF

 

Was sind die Ursachen dieser kollektiven Verdrängungsleistung? Aus welchen Gründen machen sich viele Menschen mehr Sorgen um ihren Mallorca-Urlaub als um eine eskalierende Klimakrise? Wieso haben viele mehr Angst vor Klimaschutz als vor der heraufziehenden Klimakatastrophe? Wieso leben die meisten Menschen ihr Leben mehr oder weniger unbeeindruckt von den wissenschaftlichen Warnungen weiter wie bisher?

Eine einfache Antwort kann es nicht geben und Ursachen für menschliches Verhalten sind immer vielfältig.

Die Lobby

Die fossile Lobby war nicht untätig. Seit Jahrzehnten werden Desinformationen gestreut und Zweifel am menschengemachten Klimawandel gesät. Als sich dieser nicht mehr leugnen ließ, ging man dazu über, die Verantwortung den „Verbraucher*innen“ in die Schuhe zu schieben und gleichzeitig mit verführerischen Greenwashing-Angeboten die Kundschaft einzulullen. Die Werbung trägt ihren Teil dazu bei: „Rette die Meere mit Shampoo!“ 

Die Gesellschaft

Menschen orientieren sich an anderen, an ihrem sozialen Umfeld, an gesellschaftlichen Normen. Selbst in offensichtlichen Notsituationen reagieren die meisten nicht, wenn auch andere die Warnzeichen ignorieren. Das haben sozial-psychologische Studien gezeigt. (So z. B. in der sogenannten „Rauchstudie“, bei der nur 10 % der Probanden Alarm schlagen, wenn Rauch ins Zimmer strömt, aber andere Anwesende nicht darauf reagieren.)

Mit unserer gelebten „Normalität“ bestätigen wir uns gegenseitig täglich, dass uns die Klimakrise nicht betrifft.

Die Politik

Dramatisch verschärft wird dieser Effekt dadurch, dass die Weckrufe keinen Widerhall in politischem Handeln haben. Die Warnung vor einem möglichen Aussterben der Menschheit sollte doch eigentlich Anlass genug für einen Krisengipfel sein, aber ein solcher ist nicht in Sicht. Reaktionen der politischen Akteur*innen bleiben regelmäßig aus, und die alljährlichen Weltklimakonferenzen können mit ihrer routinierten Ergebnislosigkeit beim besten Willen nicht als Krisengipfel wahrgenommen werden.

Wenn dann auch noch prominente Politiker*innen allen wissenschaftlichen Warnungen und Erkenntnissen ausdrücklich widersprechen (Friedrich Merz: „Es ist eben gerade nicht so, dass morgen die Welt untergeht. Wenn wir in den nächsten zehn Jahren die Weichen richtig stellen, sind wir auf einem guten Weg“), dann muss nicht mehr verwundern, dass der Eindruck entsteht, es sei ja alles doch gar nicht so schlimm.

Die Medien

Eine besondere Verantwortung kommt auch den Medien zu. Eine falschverstandene „Meinungsvielfalt“, das Nebeneinander von populistischen Falschbehauptungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen trägt massiv zur Verunsicherung bei. 

„Jede*r hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten.“

Eckart von Hirschhausen (und viele andere)

Es ist nicht lange her (Mai 2023), da musste der Klimaforscher Mojib Latif bei Markus Lanz das verlogene Geschwätz eines AfD-Menschen ertragen. Warum gibt man solchen Leuten eine Bühne für ihre Lügen? 

https://weact.campact.de/petitions/keine-buhne-fur-nazi-propaganda-im-orr 

Das Argument, ein gestandener Wissenschaftler wie Latif müsse solche Unwahrheiten doch leicht entkräften können, zieht leider nicht: Wer Lügen glauben will, der glaubt sie eben! Die rechten Populisten wissen sehr genau, wie verführerisch ihre Lügen sind. Eine Welt ohne Klimawandel wäre ja viel bequemer und sorgenfreier, und so müssen auch die eigenen Privilegien nicht hinterfragt werden. Das Verständnis für wissenschaftliches Denken und das Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse werden so systematisch diskreditiert. 

Markus Lanz schlug in dieselbe Kerbe, als er im Gespräch mit Carla Rochel („Letzte Generation“) die unsägliche Frage formulierte: „Aber woher weiß die Wissenschaft das?“. Verantwortungsvoller Journalismus geht anders! Ganz anders!

Auch an anderer Stelle werden die Medien vielfach ihrer Verantwortung nicht gerecht.

„Die Medien haben es versäumt, diejenigen, die für die Zerstörung unserer Biosphäre verantwortlich sind, zur Rechenschaft zu ziehen, und agierten praktisch als Wächter des Status quo. Angesichts der Größe unserer Mission und der Zeit, die uns zum Handeln bleibt, gibt es ehrlich gesagt keine andere Instanz als die Medien, die die Möglichkeit hat, die notwendige Transformation unserer globalen Gesellschaft herbeizuführen. Damit dies geschieht, müssen sie beginnen, die Klima-, Umwelt- und Nachhaltigkeitskrise wie die existenzielle Krise zu behandeln, die sie ist. Es muss die Nachrichten dominieren.“

      Greta Thunberg, The Climate Book

Es muss die Nachrichten dominieren! Aber das passiert (noch) nicht. 

Natürlich wird über die sich häufenden Klimakatastrophen und über die unzähligen Weckrufe der Wissenschaft berichtet. Im Hitzesommer 2023 mit weltweiten Rekordtemperaturen, Waldbränden und Überschwemmungen sind die Nachrichten voll davon. Aber die Dramatik solcher Meldungen verpufft augenblicklich, wenn unmittelbar danach Elon Musks Ego-Trip seiner SpaceX-Riesenrakete gefeiert und das Ausscheiden des FC Bayern München aus der Champions League als die eigentliche nationale Katastrophe beklagt wird.

Es fehlen die Kontexte, die Zusammenhänge, die Konsequenzen. Wer würde es wagen, nach einer Formel-1-Berichterstattung auf die verheerende CO2-Bilanz einer solchen Veranstaltung hinzuweisen? Selbst neben hervorragenden Artikeln zur Klimathematik finden sich immer wieder Werbeanzeigen für Kreuzfahrten oder SUVs. So werden die Botschaften, die Appelle, die Warnungen auf schnellstem Wege neutralisiert. 

Während ich diese Zeilen schreibe, werden Tourist*innen von der griechischen Insel Rhodos evakuiert und vor den Bränden in Sicherheit gebracht. Gleichzeitig landen weitere Ferienflieger auf Rhodos. Wer würde den Hinweis wagen, dass es in Zeiten einer eskalierenden Klimakrise keine so gute Idee ist, in den Urlaub zu fliegen und damit die Krise weiter anzuheizen?

Nun wird medial diskutiert, ob 2050 noch jemand am Mittelmeer Urlaub machen wird. Da heißt es, dass der italienischen Tourismusbranche Einbußen von 52 Milliarden Euro drohen – wenn die Durchschnittstemperatur um 4° Grad ansteigt. Was für ein falscher Fokus! Warum wird nicht vermittelt, dass es bei vier Grad nicht mehr um den Urlaub, sondern ums Überleben geht?

Nötig wäre es…

 

Unsere Aufgabe

Wie also können wir Menschen erreichen, aufwecken, überzeugen?
Klima-Kommunikation ist eine schwierige Angelegenheit. Meiner Überzeugung nach braucht sie, neben Geduld und Fingerspitzengefühl, im Wesentlichen drei Schritte: 

  • Die drohende Gefahr klar benennen. Was steht auf dem Spiel?
  • Verantwortlichkeiten und Handlungsspielräume aufzeigen. Welchen Beitrag kann/muss ich leisten?
  • Eine positive Vision. Was können wir gewinnen?

Roland Vossebrecker

 

P. S. Eine sehr positive Initiative (unter vielen) ist das Netzwerk Klimajournalismus

Es gibt Journalist*innen das notwendige Knowhow an die Hand, um kompetenter, umfassender und seriöser über die Klimakrise berichten zu können.

SPENDENAKTION Konzerte für Klimagerechtigkeit

SPENDENAKTION Konzerte für Klimagerechtigkeit

Spendenaktion Konzerte für Klimagerechtigkeit

Im Frühjahr 2024 wird Roland Vossebrecker, Musiker und Aktivist in der Initiative KlimaGerecht Leben seine siebte Konzertreihe für Klimagerechtigkeit spielen, mit insgesamt 25 Konzerten u. a. in Bergisch Gladbach, Berlin, Bonn, Köln, Langenfeld, Pegnitz, Reutlingen und Rothenburg.

 

Alle Konzerttermine hier: Konzerte für Klimagerechtigkeit 2024

Alle bei den Konzerten gesammelten Spenden gehen dieses Mal ohne Abzug an die Welthungerhilfe!

Lieben Dank für eure Unterstützung.

Wir sammeln grundsätzlich keine Spenden für unsere Initiative, sondern wir rufen auf zu klimagerechten Spenden an anerkannte Hilfsorganisationen.

GRÜNE KLIMAKOMMUNIKATION

GRÜNE KLIMAKOMMUNIKATION

Grüne Klima-Kommunikation

von Roland Vossebrecker

Das Thema Klima (-Krise, -Katastrophe, -Gerechtigkeit) kann und darf nicht ausschließlich ein Grünes Thema sein. Der Erhalt unserer aller Lebensgrundlagen muss ein Anliegen aller demokratischen Parteien sein.

Dennoch darf man von den Grünen allein schon deswegen am meisten erwarten, weil sie sich selbst als Klimaschutz-Partei versteht. Trotzdem, so meine ich, liegt auch in Grüner Klimakommunikation noch manches im Argen. Meine jahrelange Unzufriedenheit damit findet in diesem Artikel ihren Niederschlag:

„Dass eine radikale Klimapolitik das neue „Realistisch“ ist, sagen Grüne ja nicht erst seit gestern.“

Annalena Baerbock

Schön wär’s… 

Am Anfang und über allem steht die Frage, wie wir die Klimakrise verstehen. Ist sie eines von vielen zu lösenden Problemen, neben der Gesundheitspolitik, der Sozialpolitik, der Entwicklung von Gleichberechtigung, der Genderfrage usw. – alles wichtige Themen, zweifellos!

Oder ist sie eine existenzielle Krise, die buchstäblich alle anderen Fragen und Themen in den Hintergrund drängt, da es um das Überleben von Milliarden Menschen und den Fortbestand der Demokratie und der menschlichen Zivilisation geht – und deswegen bei allen politischen Fragen mitgedacht werden muss.

Wenn man sich nur ein wenig mit den Berichten des IPCC und vieler anderer wissenschaftlicher Veröffentlichungen befasst hat, dann weiß man, das Zweiteres der Fall ist. Das Budget für die Einhaltung der 1,5°-Gradgrenze ist in knapp drei Jahren aufgebraucht, Katastrophen häufen sich, werden immer weniger versicherbar, wir steuern auf gefährliche Kipppunkte zu oder haben sie bereits überschritten, – und die Emissionen steigen weiter.

Um dem zu begegnen, so finde ich, müssen wir uns von einem gefährlichen Märchen verabschieden, nämlich, dass es so weiter gehen könne wie bisher, nur mit etwas anderen Mitteln. Das ist, was aktuelle Politik (und nicht nur Grüne natürlich) allenthalben suggeriert: Wir rüsten auf E-Mobilität um und kaufen Bio-Shampoo, installieren eine Solaranlage, essen etwas weniger Fleisch, gestalten unsere Kreuzfahrt „nachhaltig“, retten damit das Klima und die Umwelt und die Weltmeere und müssen unseren Lebensstil und unser Konsummodell nicht hinterfragen.

Der Elefant im Raum lautet also:

Wann machen wir uns endlich ehrlich und sagen laut und deutlich, dass es auf unserem derzeitigen (westlichen) Luxus- und Konsum-Niveau nicht gehen kann?

Einmal im Jahr erinnert uns der Earth Overshoot Day an diese Tatsache: Für Deutschland liegt er in den ersten Mai-Tagen, das heißt, deutscher Durchschnitts-Lebensstil verbraucht drei Erden. Das wissen wir alle, wir sind einmal im Jahr dann ganz betreten – und machen weiter wie bisher! So lässt sich eine Klimakatastrophe und ein massives Artensterben, das unsere Existenz genauso bedroht, nicht verhindern.

Ich habe diese Frage in den letzten vielen Jahren immer wieder gestellt und regelmäßig hat man sich (leider auch bei den Grünen) vor einer Antwort systematisch gedrückt!

In privaten Gesprächen im grünen Umfeld hat mir allerdings bislang noch niemand widersprochen! In der Sache war jeder und jedem meiner Gesprächspartner*innen klar, dass es so in Anbetracht multipler Umweltkrisen natürlich nicht gehen kann. Und mit einer Perspektive auf globale Gerechtigkeit schon gar nicht!

Der einzige Einwand – dieser allerdings beinahe immer, lautete: Wenn wir das sagen, dann wählt uns niemand mehr. Verzicht käme eben nicht gut an.

Anders ausgedrückt: Die Wahrheit können wir den Wähler*innen nicht zumuten.

Dann wird an das Veggiday- und das Verbotsparteitrauma erinnert. Darauf möchte ich gleich noch eingehen.

Also stellt sich mir die Frage, wie grüne Klimakommunikation aussehen kann, aussehen muss.

Zunächst einmal: Ich halte die Angst vor Wahlstimmenverlust für grundsätzlich falsch. Ich möchte hier meiner Überzeugung Ausdruck geben, dass die Wahrheit, gut kommuniziert, immer eine Chance hat. Würde ich etwas anderes glauben, dann hätte ich längst aufgegeben!

Als Grüne sollten man sich Sorgen machen, eben jene Wähler*innen zu verlieren, die verstanden haben, worum es geht, und nicht jene, die weiterhin mit Zähnen und Klauen nur ihre Privilegien verteidigen wollen.

In vielen Gesprächen mit Aktivist*innen der Klimabewegungen, bei Demos, Camps, auf Diskussionsveranstaltungen, während verschiedener Bildungsreisen etc. habe ich immer wieder erfahren, wie groß die Enttäuschung, der Frust, die Bitternis ist über grüne Klimapolitik und Kommunikation, besonders über faule Kompromisse, die als Erfolg verkauft werden.

 

Meine wichtigste Forderung an eine Grüne Klimakommunikation lautet also:

Sagt die Wahrheit!

So schlicht wie treffend, Dank an Extinction Rebellion! 

Zur Wahrheit gehören zwei Erkenntnisse:

  1. Die Bedrohung ist groß, und sie betrifft alle!

Die sich anbahnende Klimakatastrophe bedroht die Gesundheit, die Freiheit, das Leben und Überleben aller Menschen. Die Kosten, sie zu verhindern oder wenigstens, sie zu lindern sind weitaus geringer als die Kosten, die die Klimakatastrophe verursachen wird. Und diese werden nicht nur in € und $ bezahlt, sondern mit Menschenleben!

Anders ausgedrückt: Nicht der Verlust deiner Pendlerpauschale, sondern die Klimakatastrophe bedroht deinen Wohlstand, deine Gesundheit, dein Leben.

Dazu wird gelegentlich angemerkt, dass Warnungen und Alarmrufe nichts (mehr) brächten. Schließlich würde die Wissenschaft schon seit Jahrzehnten warnen und ein breites Umdenken in der Bevölkerung fände trotzdem nicht statt. Das ist teilweise richtig. Der notwendige gesellschaftliche Bewusstseinswandel ist noch in weiter Ferne. Allerdings gibt es mittlerweile eine globale Klimabewegung, die die Wissenschaft allerdings sehr ernst nimmt. Trotzdem bleibt die bittere Wahrheit, dass die Warnungen in der Breite der Bevölkerung immer noch nicht ankommen.

Aber: Warum sollte man (wenn man sich nicht aus freien Stücken intensiv mit der Klima-Thematik beschäftigt), die ständigen Warnungen überhaupt ernst nehmen, wenn sie buchstäblich jedes Mal ohne erkennbare Reaktion der Politik bleiben?

2019 warnten etwa 11.000 Wissenschaftler*innen vor „unsäglichem menschlichen Leid“, wenn der Klimakatastrophe nicht entschlossen entgegengehandelt würde. Zwei Jahre später wurde der Appell mit 14.000 Wissenschaftler*innen erneuert. Kann man noch eindringlicher, noch drastischer formulieren?

Ein Notstand, ein Krisengipfel, eine Reaktion aus der Politik bleib aus. Ich habe nicht einen Kommentar dazu von prominenter politischer Stimme vernommen, auch von den Grünen nicht!

Dasselbe gilt auch für die verschiedenen Sachstandsberichte des IPCC, die einer nach dem anderen immer dramatischer ausfallen. Auch da gab es – dröhnendes Schweigen.

Hier mal eine kurze und recht willkürliche Aufzählung von Klima-Meldungen vom Oktober 2023:

Am 24.10.2023 veröffentlichen renommierte Ökologen, Klimafolgenforscher und Datenanalysten in der Zeitschrift „BioScience“ der Universität Oxford einen Aufruf, in dem es heißt: „Wir betreten klimatisches Neuland“ und sprechen von der Gefährdung der Lebensgrundlage aller Lebewesen und des Menschen selbst. Die Veränderungen seien derart extrem, dass sie Neuland darstellten und noch nie in einer solchen Form in der Menschheitsgeschichte aufgetreten seien.

Am selben Tag veröffentlicht die Plattform Klimareporter eine Studie, die belegt, dass der westantarktische Eisschild selbst bei optimistischster Klimaentwicklung nicht mehr zu retten sei. Auf lange Sicht bedeutet das Abschmelzen einen Meeresspiegelanstieg von etwa 5 Metern!

Am 25. benennt eine Forscher*innengruppe der UN-Uni Bonn sechs Kipppunkte, denen sich die Menschheit gefährlich nähert und die für sie zur Katastrophe werden könnten. Vier davon stehen in unmittelbarem Zusammenhang zur Klimaentwicklung, ein weiterer, das Artensterben, muss als Zwillingskrise verstanden werden.

Am 26. veröffentlichen mehr als 200 Fachjournale gleichzeitig die Forderung an die WHO, wegen der Klimakrise den globalen Gesundheitsnotstand auszurufen. 

Am selben Tag erreichen Meldungen der Rekorddürre im Amazonasgebiet die Nachrichten. Sonst gigantische Flüsse trocknen aus. Die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen und Tieren gehen verloren.

Zu keiner dieser Schreckensmeldungen habe ich auch nur eine einzige Reaktion aus der Politik gehört! Kein Innehalten, keine Reflektion, keine Demut, kein Nachdenken, keine Selbstkritik und schon gar keinen Kurswechsel. Auch nicht der Grünen! Ich finde das beschämend! 

Warum sollten also Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher diese Warnungen ernst nehmen, wenn die Politik sich dazu ausschweigt? Es liegt doch auf der Hand, dass man sich dann denkt, naja, so schlimm wird’s wohl doch nicht kommen. Ein Notfallplan (wie z. B. zu Coronazeiten) würden ganz anders aufgenommen werden.

Also noch einmal: „Das können wir unseren Wähler*innen nicht zumuten“ = „Die Wahrheit können wir den Leuten nicht zumuten, das ist passiver Populismus!

 

Die zweite Erkenntnis lautet:

  1. Wir sind verantwortlich.
    • für die globale Ungerechtigkeit
    • für die Folgen unseres Lebensstils

Das ist als bittere Wahrheit allerdings anspruchsvoll zu vermitteln. Und dennoch unbedingt notwendig. Das Eingeständnis, dass unser Wohlstand und Reichtum auf der Verbrennung von Kohlenstoff basiert, und dass wir als reiche Industrienation(en) die entscheidenden Mittel und Hebel in der Hand haben, das Notwendige und Gerechte zu tun, muss die Basis ehrlicher Kommunikation sein. 

Wie anders sollte sonst eine Verständigung mit MAPA1-Politiker*innen und Aktivist*innen funktionieren?

1Most Affected People and Areas

Zu dieser Ehrlichkeit gehört auch das klare Benennen globaler Ungerechtigkeiten, und damit verbunden das Hinterfragen unserer Privilegien, die bis heute auf Ausbeutung von Menschen, Ressourcen und Natur basieren, auf postkolonialen bis rassistischen Strukturen. Anders kann man z. B. das Fast-Fashion-System, angefangen von den Sklaverei-artigen Produktionsbedingungen in Südost-Asien bis zu den Müllhalden in der chilenischen Atacamawüste oder in Accra/Ghana nicht lesen.

Dasselbe gilt auch für die CO2-Emissionen, die für unseren Konsum entstehen, aber vielfach den produzierenden Ländern des globalen Südens angerechnet werden, und die die dramatischsten Folgen zu tragen haben.

Und damit geraten wir schnell in eine Verzichtsdebatte. Das gängige Argument lautet dann in etwa: Mit dem Narrativ „Wir müssen unseren Konsum und unseren Lebensstandard drastisch reduzieren“ entfache man halt keine Begeisterung, im Gegenteil.

Ich bin allerdings der Meinung, dass man mit etwas argumentativem Geschick durchaus überzeugend über Verzicht reden kann. So kann, so muss man darauf hinweisen, worauf wir heute bereits alles verzichten. Es ist gleichermaßen notwendig wie effektiv, die üblichen Gegenargumente offensiv aufzugreifen und umzudeuten, statt sich verschämt wegzudrücken, wie es damals beim Misserfolg des Veggie-Days passierte! Heute wäre der wahrscheinlich ziemlich erfolgreich. Manchmal braucht man eben auch etwas Durchhaltevermögen.

Den Grünen haftet beharrlich das Image einer Verbotspartei an, – und sie haben eine beschämend irrationale Angst davor. Warum eigentlich? Warum nicht so:

Verbotspartei? Ja klar! Wir möchten alles verbieten, was die Gesundheit, die Freiheit und das Leben von uns und anderer Menschen bedroht. 

Mord und Totschlag sind verboten, Raub und Vergewaltigung sind verboten, falsch Parken ist verboten. Warum nicht grob klimaschädigendes Verhalten?

Und wir sind die Erlaubnispartei: Wir erlauben künftigen Generation ein sicheres Weiterleben. Wir erlauben den Menschen im globalen Süden, ohne Ausbeutung zu leben. Wir erlauben uns ein gesundes und sicheres Leben mit weniger Lärm, Luftverschmutzung, mit grünen Innenstädten, mit Raum zur Begegnung usw. usf.

Und damit sind wir beim dritten Punkt gelingender grüner Klima-Kommunikation: 

  1. Die positive Vision

Können die Grünen denn wirklich nichts Besseres anbieten? Nicht mehr als nur eine Krisenverwaltung? Wirklich nicht mehr als ein weiter-so mit etwas anderen Mitteln?

Im Europa-Wahlprogramm der Grünen ist sieben Mal von Grünem Wohlstand die Rede, von „Wohlstand bewahren“, von „klimaneutralem Wohlstand“, ohne dass definiert wird, was das eigentlich sein soll. Meine Frage diesbezüglich blieb –wieder einmal – unbeantwortet!

Und auch ein Grünes Wachstum wird propagiert, aber:  Was soll eigentlich wachsen? Und was muss schrumpfen? Verkehr, Fleischkonsum, Ressourcenverbrauch, unser sonstiger Konsum, die CO2-Emissionen, die Ungleichheit, etc.

Und eine ganz wichtige Frage wird nie gestellt: Wann ist es eigentlich genug?

Auf der Basis grüner Werte und Prinzipien der Gerechtigkeit, der Menschenrechte sollten eine grüne Klima-Kommunikation und -Politik ein attraktives und gleichermaßen verantwortungsvolles Angebot machen, eine positive Vision.

Wir brauchen einen neuen nachhaltigen, zukunftsfähigen, global gerechten Gesellschaftsvertrag, – lebenswert für Alle.

Zu guter Letzt: Die Politik hinkt dem gesellschaftlichen Wandel immer hinterher, leider. Aber welche Kraft könnte es entfalten, würden sich die Grünen an die Spitze einer global-solidarischen Gerechtigkeitsbewegung setzen? Einer Bewegung, die heute so dringend gestärkt werden muss angesichts des weltweiten Erstarkens eines ungezügelten Nationalegoismus.

So könnte Grüne Politik selbst in der Opposition größte Wirkung entfalten.

„Wir müssen überlegen, welche Gesellschaft wir sein könnten. Von einer Zukunft erzählen, die so lebenswert und schön ist, dass andere auch dorthin wollen, und den Wunsch auslöst, diese Welt mitzugestalten. Erst dann wird aus scheinbarem Verzicht Gewinn.“

Carola Rackete

 

Roland Vossebrecker

 

 

COP 28

COP 28

Statement zur COP 28

Roland Vossebrecker

 Die COP28, die 28. Weltklimakonferenz ist am 13. Dezember 2023 zu Ende gegangen. Nach nur einem Tag der Verlängerung wurde einem Abschlusstext zugestimmt, in dem zu einem „Übergang weg von fossilen Brennstoffen“ aufgerufen wird.

Bereits am ersten Tag der Verhandlungen wurde ein Loss-and-Damage-Fund angekündigt, zu dem Deutschland und das Gastgeberland, die VAE jeweils 100 Millionen $ zusagten.

Die Kapazitäten für Erneuerbare Energien sollen bis 2030 verdreifacht werden, und es sollen verstärkte Anstrengungen zur Reduzierung des Kohleverbrauchs gemacht werden.

Alles in allem ein großer Erfolg also?
Eine Frage der Perspektive:

Die COP28 war im Grunde eine bizarre Veranstaltung. Ca. 90.000 (!) Menschen sind nach Dubai gereist (fast alle sind geflogen – wie auch sonst?) um im luxuriösen Ambiente der Öl-Metropole zwei Wochen die Geschicke der Welt zu verhandeln.

Der Präsident der diesjährigen Klimakonferenz war Sultan Ahmed Al Jaber, gleichzeitig CEO des staatlichen Ölkonzerns ADNOC, der plant, die Ölförderung bis 2030 um mehr als 40 Prozent zu steigern. Al Jaber scheute sich auch nicht, die wissenschaftlich anerkannte Notwendigkeit eines kompletten Ausstiegs aus den fossilen Energieträgern anzuzweifeln, und gleichzeitig verschwörungstheoretisch und sexistisch zu argumentieren: “Sie lesen Ihre eigenen Medien, die voreingenommen und falsch sind. Ich sage Ihnen, dass ich der Mann in der verantwortlichen Rolle bin, und das ist falsch, Ma’am. Sie müssen mir zuhören.“

Haarsträubend war auch die Tatsache, dass sich mindestens 2.456 offiziell akkreditierte Lobbyisten für Kohle, Öl und Gas auf der COP tummelten – vier Mal mehr als auf dem Treffen in Ägypten im vergangenen Jahr.

Damit hatten mehr Lobbyisten Zugangspässe erhalten als alle Delegationen der zehn durch die Erderwärmung verwundbarsten Staaten, die ihrerseits alle aus dem Globalen Süden kommen und sich die teure Reise und den Aufenthalt in Dubai vielfach nicht leisten konnten. Klimagerechtigkeit geht anders!

Entsprechend groß war der Widerstand gegen ein Fossil Fuel phase-out, eine vollständige Abkehr von den fossilen Energien, die zeitweise in greifbarer Nähe zu sein schien. Der Generalsekretär der OPEC, Haitham al-Ghais sah sich dann genötigt, einen Brief an die 13 Mitgliedsstaaten des Öl-Kartells zu schreiben, um eben jenen Ausstieg mit aller Macht zu verhindern. Als daraufhin die Empörung hochkochte warf die OPEC den ambitionierteren Ländern vor, dass ein Ausstieg rassistisch sei! No comment.

Positiv betrachtet: Die OPEC wird nervös, weil sich am Horizont ein Ende von Öl und Gas abzuzeichnen beginnt. 

Die Abschlusserklärung empfiehlt also einen „Übergang“ weg von fossilen Brennstoffen und sieht einen „gerechten, geordneten und ausgewogenen Übergang weg von fossilen Brennstoffen in den Energiesystemen“ vor. 

Diese windelweiche Formulierung ist ein fragwürdiger Kompromiss und eröffnet allerlei Schlupflöcher: Erdgas wird als Brückentechnologie akzeptiert – ach ja, auch Olaf Scholz will ja noch Erdgas im Senegal kaufen und die Bundesregierung fördert weiter LNG auf Rügen! –  und konkrete Zeitpläne für den Ausstieg aus den Fossilen gibt es nicht.

„In den Energiesystemen“ ist wohl eines der Schlupflöcher, die sich die Erdöl-Staaten leisten: Plastik wird aus Erdöl gewonnen!

Einige feiern, dass zum ersten Mal Öl und Gas überhaupt in einem COP-Abschlussdokument genannt werden. Aber ist es wirklich als Erfolg zu werten, dass man sagenhafte 28 Weltklimakonferenzen benötigte, um ganz vorsichtig mal das Selbstverständliche und dringend Notwendige überhaupt erst einmal anzusprechen?

Und dass die COP29 im nächsten Jahr in Aserbaidschan stattfinden wird, einer weiteren Öl-Nation und die dritte in Folge (nach Ägypten und den VAE), ist daher kein gutes Signal.

Positiv zu bewerten sind die Ambitionen, die Kapazitäten der erneuerbaren Energien bis 2030 zu verdreifachen, und die Energieeffizienz zu verdoppeln. Der Markt soll es regeln, verbindliche Regeln und Verbote wurden vermieden.

„Solange die verhandelnden Staaten ihre Fragen innerhalb des bestehenden Wirtschaftssystems stellen, werden es die falschen Fragen sein. Denn es sind Fragen innerhalb des Systems, das die gigantischen Probleme, vor denen wir heute stehen, erst geschaffen hat.“

Carola Rackete, 2019

Und dann lohnt sich noch einmal ein genauerer Blick auf den umjubelten Loss-and-Damage-Fund, und auf die von Deutschland (und anderen Ländern) zugesagten 100 Millionen $ (ca. 92 Millionen €):

Es ist ein Start, immerhin. Ein paar Zahlen aber zum Vergleich dazu:

  • Der Viertligaverein Fortuna Köln erhält einen neuen Sportpark. Veranschlagte Kosten: 100 Millionen €.
  • Die Baukosten für die Sanierung der Kölner Oper liegen derzeit bei 682 Millionen €, wenn man die Kosten für die Kredite und Ersatzspielstätten mitrechnet, dann kostet das Projekt bereits über eine Milliarde €.
  • Der Erweiterungsbau für das Kanzleramt in Berlin soll 777 Millionen € kosten.
  • Für die Beseitigung der Schäden nach der Ahrtalkatastrophe wurden 30 Milliarden € zur Verfügung gestellt.
  • Verkehrsminister Wissing will in den nächsten Jahren mindestens 30 Milliarden € für den Ausbau und die Verbreiterung von Autobahnen ausgeben…
  • Oxfam schätzt die jährlichen Klimaschäden in ärmeren Ländern 2023 auf 290 bis 580 Milliarden $.
  • Die weltweiten Subventionen für fossile Energien werden auf 1,4 Billionen (!) $ geschätzt!

Es ist eben doch alles sehr relativ…

Einen sehr bitteren Beigeschmack erhält die Abschluss-Erklärung noch dadurch, dass sich die Gruppe der vom Meeresspiegelanstieg bedrohten Inselstaaten übergangen fühlte. Da man sich untereinander noch koordinieren musste, war man nicht mehr rechtzeitig im Raum, als Al Jaber buchstäblich und eilig den Hammer fallen ließ. Die Vertreterin Samoas sagte: „Wir können nicht auf unsere Inseln zurückkehren mit der Botschaft, dass dieser Prozess uns betrogen hat. Die Kurskorrektur, die wir brauchten, ist nicht erreicht worden.“ Einige Delegationsteilnehmer*innen waren den Tränen nahe. Verständlich, denn für sie geht es bei diesen Entscheidungen ums blanke Überleben!

Ein überraschender und erfreulicher Lichtblick war indes, dass sich ein Land, das stark von fossilen Rohstoffen abhängig ist, der Initiative für ein “Fossil Fuel Non-Proliferation Treaty” angeschlossen hat: Kolumbien hat sich gegen Profit und für Zukunft entschieden. Bravo!

War die COP28 also ein historischer Erfolg, wie Präsident Al Jaber es wenig bescheiden verkündete?
Am Ende wissen wir es nicht. Ein Abschlusstext, der hauptsächlich aus Absichtserklärungen besteht, muss an der Umsetzung gemessen werden: Auf die Worte müssen nun Taten folgen, und das schnell. 

Im Falle Deutschlands bedeutet das: Kein Gas aus dem Senegal, ein Stopp des LNG-Ausbaus auf Rügen, beschleunigter Kohleausstieg, konsequenter Abbau aller fossiler Subventionen, ein angemessener und fairer Beitrag für den Loss and Damage Fund, eine sozial gerechte Klimapolitik (Klimageld!), eine ambitionierte Verkehrswende (nicht nur Antriebswende!), Agrar- und Ernährungswende, Tempolimit… … …

Was nicht auf der COP verhandelt wurde, und was auch nicht zu erwarten war, ist die Frage, ob das Klima überhaupt in einem Überkonsum-System zu retten ist, die Frage also nach dem so dringend benötigten gesellschaftlichen Wandel. So bedauerlich es auch ist: Die Politik wird diesen Wandel nicht bewirken, geschweige denn, ihn voran treiben. Das ist die Aufgabe einer solidarischen und weltoffenen Zivilgesellschaft. Das ist die Aufgabe der Klimagerechtigkeitsbewegung. Das ist unser aller Aufgabe.

Dafür stehen wir!

 

*****   *****   *****

 

Interessant sind die unterschiedlichen Bewertungen des Ergebnisses seitens der Politik und der klimawissenschaftlichen und klimaaktivistischen Communities. Hier beispielhaft einige Stimmen:

„Große Freude in der deutschen Delegation und bei der Außenministerin, dass die Welt das Ende des fossilen Zeitalters beschlossen hat.“

„Dieser Text ist für uns als Europäische Union, als Deutschland nur ein Anfang (…) Wir haben entschieden, dass wir die Zukunft unserer Kinder nur zusammen retten können.“

Annalena Baerbock, Außenministerin

Man kann sie vielleicht historisch nennen, weil zum ersten Mal wirklich drinsteht, dass eine Abkehr von fossilen Brennstoffen notwendig ist – dass wir bis 2050 bei netto null Emissionen sein müssen. Die Sprache ist natürlich relativ weich und unverbindlich, weil es eben das Konsensverfahren dieser UN-Klimagipfel ist, dass auch der letzte Ölstaat zustimmen muss. Und dafür, dass das der Fall ist, ist das gar nicht schlecht, was da drinsteht.

Stefan Rahmstorf, Klimaforscher am PIK

„Nein, der COP28-Abschluss wird die Welt nicht in die Lage versetzen, die 1,5°C-Grenze einzuhalten, aber ja, das Ergebnis ist ein entscheidender Meilenstein. Die Aussage zur Abkehr von fossilen Brennstoffen bleibt jedoch zu vage und es gibt keine harten und nachvollziehbaren Grenzen für 2030, 2040 und 2050. Es wird nicht anerkannt, dass die Skalierung von Technologien zur Kohlendioxidabscheidung zusätzlich zum Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe erfolgen muss, um die globale Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen. Und es gibt keinen überzeugenden Plan, wie der Übergang weg von fossilen Brennstoffen erfolgen soll. Wir wissen, dass dies nicht allein durch nationale freiwillige Maßnahmen geschehen wird. Es sind auch kollektive, globale Vereinbarungen über die Finanzierung, die Bepreisung von Kohlenstoff und den Technologieaustausch erforderlich, und zwar in einem Umfang, der weit über das hinausgeht, was derzeit auf dem Tisch liegt.“

Johan Rockström,

Ko-Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

„Für den Klimanotstand nicht ausreichend. „Abkehr von fossilen Brennstoffen“ ist nicht die notwendige Notbremse. Langfristig große Schlupflöcher für fossile Brennstoffe. Kein klares Signal für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Nicht historisch, nur das Nötigste.“

Prof. Niklas Höhne, NewClimate Institute

„Abschlussdokument derCOP: Ein seichter Appell zum Ende der fossilen Energien. Eigentlich ehrlich: Auch Deutschland baut LNG-Terminals, hunderttausende neue Gasheizungen und Millionen neue Verbrennerautos. So verhindern wir sicher nicht die Klimakatastrophe.“ 

Prof. Volker Quaschning, Scientists for future

„Das Ergebnis hat jedoch auch bedenkliche Schattenseiten und Schlupflöcher, darunter die Betonung der Rolle von Erdgas als Übergangslösung. Das werden Förderländer und die fossile Industrie als Freifahrtschein für die Ausweitung der Gasförderung werten. Enttäuscht muss man auch darüber sein, dass die COP28 es nicht geschafft hat, bei der finanziellen Unterstützung für die ärmeren Länder Fortschritte zu erzielen.“

Jan Kowalzig, Oxfam

„Die COP28-Klimakonferenz war reines Greenwashing. Es ist kein ›historisches Paket‹, wie der Konferenzpräsident behauptet – weder im positiven noch im negativen Sinne.“ 

Nur eine Verpflichtung zum sofortigen Ausstieg aus fossilen Energien hätte dazu führen können, dass die Klimaziele erreicht werden. 

„Mit dieser Einigung wird das 1,5-Grad-Ziel kaum mehr erreichbar sein“.

Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

„Selbst wenn die vorliegenden Bestimmungen vollständig umgesetzt würden, wären Millionen Menschen im Globalen Süden immer noch mit Überschwemmungen, Bränden und Hungersnöten konfrontiert und stünden am Rande einer Klimakatastrophe.“ 

Sven Harmeling, Hilfsorganisation Care International

„Menschen können sich nicht daran anpassen, zu verhungern, und kleine Inselstaaten können sich nicht an einen steigenden Meeresspiegel anpassen.“

Denise Ayebare, Aktivistin aus Uganda

„Während die Zeit in Dubai abläuft, fühlt es sich an, als würde das geteilte Rettungsboot der Menschheit sinken.“

Vanessa Nakate, Aktivistin aus Uganda

Roland Vossebrecker

 

Technologieoffenheit 

Technologieoffenheit 

Technologieoffenheit 

von Roland Vossebrecker

ist ein beliebtes Schlagwort konservativer und (neo)liberaler Politiker*innen, das besagen soll, dass irgendeine zukünftige Technologie es mit der Klimakrise schon richten wird, ohne dass wir dafür unser Verhalten, unser Konsum-Modell, unser Wirtschaftssystem überdenken müssten.

Dass Technologieoffenheit aber auch Grenzen hat oder zumindest haben sollte, kann das folgende Gedankenexperiment verdeutlichen:

Stellen wir uns einmal vor, findige Ingenieur*innen entwickeln eine neue Technologie und bringen sie zur Marktreife. Das neue Produkt wird enthusiastisch gefeiert und beworben: Es verspricht relativ großen Komfort und Bequemlichkeit bei vergleichsweise hoher Geschwindigkeit. 

Ehrlicherweise ist das Produkt nicht ganz billig. Die Anschaffungskosten belaufen sich auf 15.000 € bis 60.000 € oder mehr, je nach Anspruch des/der Kund*innen. Außerdem muss mit jährlichen Betriebs- und Wartungskosten von noch einmal durchschnittlich 1.200 bis 5.000 € gerechnet werden. Nicht zu viel, finden die meisten, denn das Produkt steht vor allem für grenzenlose individuelle Freiheit. 

Im Kleingedruckten muss allerdings auf die Nebenwirkungen verwiesen werden. Deutsche Bundesbürger*innen müssen jährlich 330.000 Stunden sinnlos verlorener Wartezeit mit einkalkulieren. Vor allem aber ist mit Kollateralschäden zu rechnen (dies im ganz klein-gedruckten): Es sei zu erwarten, dass die neue Technologie jährlich ca. 2700 Menschen das Leben kosten wird. Dazu kämen weit mehr als 300.000 Verletzte, enorme Kosten für das Gesundheitssystem und eine miserable Klimabilanz.

Würde eine solche Technologie je erfolgreich sein können? Würde sie trotz allem akzeptiert werden? Wohl kaum! Kein*e Politiker*in könnte den Tod von Tausenden Menschen Jahr für Jahr mit Technologieoffenheit rechtfertigen.

Das Pikante daran: 

Diese Technologie gibt es schon und wir haben uns längst an sie gewöhnt. Man nennt sie – Auto.

Roland Vossebrecker