Die Ungerechtigkeit hinter den CO2-Budgets

Die Ungerechtigkeit hinter den CO2-Budgets

Die Ungerechtigkeit hinter den CO2-Budgets

von Simon Käsbach

Die Ungerechtigkeit hinter den CO2-Budgets

Ihr kennt sicherlich die CO2-Budgets, die angeben, wie viel Kohlenstoffdioxid ein Land noch ausstoßen darf, um eine bestimmte Grenze der Erderwärmung nicht zu überschreiten. Dies scheint ein sinnvoller Ansatz zu sein, doch in diesen Budgets steckt eine große Ungerechtigkeit. 

Die Berechnung des deutschen CO2-Budgets beruht nämlich auf der Annahme, dass alle Menschen in allen Ländern weltweit gleich viele Treibhausgase ausstoßen dürfen. Um eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit auf das 1,5°-Grad-Limit zu haben, dürfte Deutschland demnach noch 3,1 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen. 

Und warum ist das ungerecht? 

Es ist bekanntlich so, dass nicht alle Menschen auf der Welt früher und heute gleich viele Treibhausgase ausgestoßen haben. Die reichen Industriestaaten des Globalen Nordens haben bis heute etwa 92 % der verursachten Emissionen zu verantworten. Der Globale Süden, also Afrika, weite Teile Asiens und Südamerikas, ist insgesamt demnach für nur 8 % verantwortlich. Also verursachen auch die Menschen, die in diesen Teilen der Erde leben, mehr oder weniger Emissionen, je nach ihrem Lebensstil. Ein Mensch in Malawi, eines der ärmsten Länder weltweit, verantwortet im Durchschnitt nur 0,1 Tonnen Treibhausgase im Jahr, ein*e Deutsche*r jedoch durchschnittlich etwa 8 Tonnen. 

Bei CO2-Budgets vorauszusetzen, jeder Mensch dürfe noch gleich viel ausstoßen, ist also nicht nur unfair, sondern im Kern rassistisch und neokolonial. Denn meist sind es eben arme und von Diskriminierung betroffene Menschen, die zwar einen niedrigen CO2-Fußabdruck haben, aber am meisten unter der Klimakrise leiden. 

An diesem Beispiel sieht man klar, dass Rassismus und Neokolonialismus immer noch fest in unseren westlichen Denkstrukturen verankert sind. Es wird in vielen Bereichen der Medien, der Politik, aber auch bei NGOs ganz selbstverständlich mit diesen Budgets gearbeitet und argumentiert. 

Bei einer wirklich fairen CO2-Budget-Berechnung, die historische Verantwortung mit einbezieht, dürften z.B. Deutschland oder die USA im Grunde gar keine Emissionen mehr ausstoßen, sondern müssten sogar negative Emissionen verzeichnen.  

Alle Budget-Rechnungen können nur auf Schätzungen beruhen, da wir das Erdsystem nicht umfassend und gut genug verstehen, um uns darauf zu verlassen. Dennoch wird offensichtlich, dass es nicht sein kann, dass Klimaschutz auf der Grundlage solch ungerechter Budgets gemacht wird. Deutschland zieht sich mit dieser problematischen Berechnung ein Stück mehr aus seiner globalen Verantwortung. Wenn KlimaGerechtigkeit nicht konsequent mitgedacht wird, dann wird selbst Klimaschutz rassistisch und neokolonial. 

Es darf nicht sein, dass Länder des Globalen Nordens die Klimakrise erst verursachen und dann nicht bereit sind, ausreichende und wirklich gerechte Maßnahmen vorzulegen. Zudem muss auch das Recht auf Entwicklung berücksichtigt werden, denn Länder, die bislang wegen Ausbeutung oder anderen Faktoren nicht die Möglichkeit hatten, sich so stark zu entwickeln wie Länder des Globalen Nordens, haben ein Recht darauf, sich nachhaltig und wohlständig zu entwickeln. 

Eigentlich ist es ganz einfach: 

Wer mehr Verantwortung für die Verursachung der Klimakrise trägt, ist jetzt in der Pflicht, mehr Klimaschutz zu betreiben und klimagerechte Maßnahmen vorzulegen.

 

Wir sollten bestimmte CO2 Budgets also immer kritisch hinterfragen. Auf welcher Grundlage wurde das Budget erstellt? Wurde die historische Perspektive berücksichtigt? Liegt ein global gerechter Ansatz zugrunde?

Wir müssen in allen Bereichen kommunizieren, dass das Budget von Deutschland in der jetzigen Form maßlos ungerecht, und unser aktuelles Tempo beim Klimaschutz absolut nicht hinnehmbar ist. Es braucht eine Budgetberechnung, welche auf Grundlage von Gerechtigkeitsaspekten gemacht ist. 

Länder des Globalen Nordens haben die Mittel, weitreichenden Klimaschutz zu betreiben. Dieser Aspekt ist grundlegend für die KlimaGerechtigkeit!
Denn wir im Globalen Norden haben meist auch die Privilegien, uns frei äußern zu können und uns zu engagieren. Also lasst uns diese Privilegien nutzen, um für eine gerechte Welt zu kämpfen!

Die globale Verantwortung muss endlich ernst genommen und eingefordert werden. 

Von uns. 

Simon Käsbach

 

nur 2 %

nur 2 %

Nur 2 %

von Roland Vossebrecker

„Aber China! 

Deutschland verursacht nur knapp 2 % der globalen Treibhausgas-Emissionen…“

So oder so ähnlich lautet eines der beliebtesten Argumente gegen die deutsche Verantwortung in der Klimakrise.

Hm, sehen wir für einen Moment mal davon ab, dass hier die historische Verantwortung einfach ausgeblendet wird (diese eingerechnet wäre es schon etwa doppelt so viel bei nur etwa gut einem Prozent der Weltbevölkerung!) und rechnen wir mal nach:

Deutschland hat gut 84 Millionen Einwohner*innen, China hat über 1400 Millionen. China verursacht ca. 30 % der globalen CO2-Emissionen. Jetzt unterteilen wir gedanklich China einmal in 16 gleichmäßig bevölkerte Provinzen. Jede von ihnen hat – ca. 84 Millionen Einwohner*innen. Und jede verursacht etwa – knapp 2 %.

Und alle 16 Provinzgouverneure stimmen gemeinsam mit den Deutschen den Chor an:

„Aber Indien!

…“

Roland Vossebrecker

 

 

GLOBAL SOLIDARISCH

GLOBAL SOLIDARISCH

GLOBAL SOLIDARISCH?

von Roland Vossebrecker

Machen wir uns nichts vor: Die Entwicklung der Klimakrise wird uns einiges abverlangen. Heftige und schmerzhafte Veränderungen kommen auf die Menschheit zu. Die Katastrophe kommt, – wir wissen nur noch nicht, wie schlimm sie wird.

Der notwendige, ja überfällige politisch-gesellschaftliche Umbau wird extrem anspruchsvoll, und es ist mehr als fraglich, ob er (rechtzeitig) gelingen wird. Harte politische Auseinandersetzungen müssen geführt werden und je mehr Rechte und Rechtsextreme den Kampf gegen den Klimaschutz als Kulturkampf inszenieren und die gesellschaftliche Spaltung vorantreiben, desto heftiger werden diese Auseinandersetzungen ausfallen.

Vor allem aber werden die sich häufenden Katastrophen immer neue Herausforderungen darstellen. Hitzewellen (nach einer Studie des Barcelona Institute for Global Healthgab es 2022mehr als 60.000 hitzebedingte Todesfälle in der EU), Dürren und Wassermangel, Stürme und Starkregenereignisse und die aus alledem resultierende Nahrungsmittelknappheit und Verteuerung werden zu einer andauernden Belastungsprobe.

Klimaanpassungen werden immer wichtiger, wobei diese, das sollte uns immer bewusst sein, ein Luxus reicher Länder sind! Arme Länder des Globalen Südens besitzen kaum die finanziellen und strukturellen Ressourcen, um angemessen auf die Katastrophen reagieren zu können, von denen sie immer öfter und schlimmer getroffen werden.

Es stellen sich entscheidende Fragen: Wie weit werden wir in der Lage sein, die Erderhitzung zu begrenzen? Werden wir die Veränderungen nur erleiden, oder werden wir sie gestalten? Vor allem aber: Bleiben wir solidarisch? Oder ehrlicher: Werden wir solidarisch?

Mit der internationalen Solidarität ist es nicht gut bestellt. Zwar wurde bei der COP 27 in Ägypten im letzten Jahr die Einrichtung eines Fonds für besonders betroffene Länder vereinbart, aber es bleibt bislang unklar, wer wieviel einzahlen wird. Versprechungen aus der Vergangenheit wurden regelmäßig nicht erfüllt. Und einer neuen Studie zufolge betragen die Klima-Schulden der reichen Industrienationen bei den ärmeren Ländern 170 Billionen Dollar!

klimareporter

Auf politischer Ebene wehren sich die Industrienationen mit Händen und Füßen, gerechte Verpflichtungen gegenüber dem Globalen Süden einzugehen. Weltweit propagieren Rechte den nationalen Egoismus. Der damit einhergehende Verlust von Menschlichkeit ist verheerend.

Wie wird sich die Situation entwickeln, wenn es bei eskalierender Klimaentwicklung zu Verteilungskämpfen um Wasser und Nahrung kommt, wenn die auftretenden Schäden nicht mehr zu bewältigen sind, wenn Abermillionen Menschen zur Flucht gezwungen sind, weil ihre Heimaten überschwemmt, verwüstet oder lebensfeindlich werden?

Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber fordert seit Jahren einen Klimapass für Klimaflüchtlinge, um Betroffenen eine rechtliche Grundlage für ihren Asylantrag zu geben, aber von einer politischen Umsetzungen sind wir leider noch meilenweit entfernt. Stattdessen wird EU-weit das Asylrecht immer weiter ausgehöhlt. Dabei schreckt man nicht vor milliardenschweren Abkommen mit Diktatoren zurück, die Geflüchtete in der Sahara aussetzen und sie dort ihrem Schicksal überlassen, während aktuell in der CDU bereits die Abschaffung des individuellen Asylrechtes und die Anwendung physischer Gewalt gegen Geflüchtete diskutiert wird. Das sind maximal unsolidarische Entwicklungen, die die Klimakatastrophe als Asylgrund in weite Ferne rückt.

Wir alle, gesellschaftlich, politisch und individuell müssen uns fragen: Entscheiden wir uns für Egoismus oder für Mitgefühl? Am Ende ist dies die Kernfrage, die über die Zukunft der Menschheit entscheiden wird.

 

Zum Konzept unserer Initiative und des „Vertrags mit Dir selbst“ gehört das klimagerechte Spenden, das solidarische Reichtum-Teilen mit den Opfern der Klimakatastrophe.

Alle Spenden an die Opfer der Klimakatastrophen sind Beiträge zu etwas mehr Klimagerechtigkeit, auch wenn sie nur Tropfen auf einen immer heißer werdenden Stein sind.

Sie sind aber auch eine Übung praktizierter Solidarität.

Roland Vossebrecker

 

„Klimagerechtigkeit setzt voraus, die Verantwortung der Menschheit für die Auswirkungen von Treibhausgasemissionen auf die ärmsten und verletzlichsten Menschen in der Gesellschaft anzuerkennen und ernst zu nehmen.“

Mattias Quent, Christoph Richter, Axel Salheiser, Klima Rassismus S 240

 

Aktiv in der Initiative KlimaGerecht Leben

Aktiv in der Initiative KlimaGerecht Leben

Aktiv in der Initiative KlimaGerecht Leben – eine Einladung zur Mitarbeit 

von Roland Vossebrecker

Unserer Gründung im Sommer 2022 ging eine intensive halbjährige Planungsphase voraus. Nachdem wir dann am 18. Juni 2022, dem Tag der offenen Gesellschaft, unsere Initiative mit einem großen Fest aus der Taufe gehoben hatten, war uns selbst erst einmal gar nicht klar, wie und mit welchen Aktivitäten und Aktionen es weitergehen würde. Aber es ging weiter, – und wie:

IkgL auf Instagram

Nach und nach hat sich unsere Arbeitsweise entwickelt. Dabei ist zu betonen, dass wir kein Verein sind. Es gibt bei uns also auch keine Vereinsmeierei und keine Bürokratie. Es gibt keine Mitgliedsbeiträge und wir nehmen auch keine Spenden an (werben allerdings für klimagerechte Spenden für Hilfsorganisationen!). Alle finanziellen Notwendigkeiten tragen jene von uns solidarisch, die es sich leisten können.

Schon seit Frühjahr 2022 nutzen wir die Arbeitsplattform Slack. Das ermöglicht uns den schnellen Austausch zu unterschiedlichen Themen. Dort teilen wir lohnende Klima-Artikel und Petitionen, planen die nächste Aktion, tauschen Ideen für die Newsletter oder den Blog aus und organisieren unsere nächsten Termine. Aktive sollten Slack regelmäßig lesen und Relevantes zeitnah beantworten.

Etwa einmal monatlich finden unsere Orga-Treffen statt. Die Tagesordnungen werden vorher auf Slack geteilt. Zu besprechende Themen können dort von allen vorgeschlagen und eingebracht werden. Selten können an den Orga-Treffen wirklich alle teilnehmen, aber das ist auch nicht schlimm. Die Ergebnisse der Treffen werden als knappe Protokolle festgehalten. Meist treffen wir uns online oder hybrid, nur sehr selten analog, da unsere Aktivist*innen aus unterschiedlichen Städten (Bergisch Gladbach, Heidelberg, Köln, hoffentlich bald weitere…) kommen und unsere Themen nicht primär lokal gebunden sind: Klimagerechtigkeit geht überall!

Die Artikel in unserem Blog sind in der Regel das Ergebnis eines intensiven Austausches untereinander. Jemand schreibt einen Entwurf, dieser wird korrigiert, ergänzt, kritisiert, diskutiert und durchläuft so meist mehrere Versionen, bis es zum endgültigen Ergebnis kommt. Das optimiert die Texte und sorgt gleichzeitig für spannende Diskussionen. Wir lernen alle voneinander.

Oft sind unsere öffentlichen Aktionen spontane Projekte. Ideen und Impulse können von allen eingebracht werden. Als bei einem Orga-Treffen die Tagesordnung wegen großen Redebedarfs über die Klimakrise und die Politik kaum zu bewältigen war, entstand spontan die Idee, Organisation und Austausch zu trennen, und Zweiteres dann auch gleich öffentlich zu machen. Damit war unser Offener Klimatalk geboren, der monatlich in Bergisch Gladbach und seit Juni 2023 auch in Heidelberg stattfindet. Nachahmung dringend erwünscht! 

Bei einem Klimatalk Ende Januar kam die Idee auf, den Globalen Klimastreik wieder nach Bergisch Gladbach zu bringen. Gesagt – getan, und dies auch schon zweimal recht erfolgreich. Oft hat jemand eine Idee, ein Stand auf dem Markt, eine Flyeraktion oder eine Kerzeninstallation zur Earth Hour. Dann wird schnell gefragt „Wer ist dabei?“, und wenn sich zwei, drei Leute finden, wird die Idee umgesetzt. Die Kreativität und der Einfallsreichtum unserer Aktivist*innen ist sehr erwünscht. Spontanität beflügelt und alle Aktionen und Ideen, die dem Ziel der KlimaGerechtigkeit dienen, sind willkommen.

Jede*r kann sich nach eigenen Interessen und Fähigkeiten einbringen und eigene Schwerpunkte setzen, ohne in allen Bereichen aktiv sein zu müssen. Es ist aber auch deutlich, dass unsere Aktivismus-Kapazitäten und Freiräume für Klima-Engagement sehr unterschiedlich sind. Manche von uns haben wegen beruflicher oder studentischer Verpflichtungen wenig Spielraum, und das ist genauso in Ordnung wie verständlich. Deshalb gilt bei uns: Jede*r nach ihren/seinen Möglichkeiten.  wer wir sind

So können wir weitere engagierte Aktive gut gebrauchen. 

Dir liegen das Klimathema und die Gerechtigkeit am Herzen? Du willst Dich engagieren? Du möchtest Dich einbringen? Dann melde Dich gerne bei uns: initiative@klimagerecht-leben.de 

Und falls Du schon in einer anderen Klima-Organisation aktiv bist: Kooperation ist Alles! Wir sind sehr interessiert an Vernetzung und Zusammenarbeit, denn nur gemeinsam sind wir stark!


Roland Vossebrecker

KLIMAKOMMUNIKATION

KLIMAKOMMUNIKATION

Let`s talk about climate change!

aber wie?

von Tabea Schünemann

Ja, die Klimakrise ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit und es gibt immer mehr Menschen, denen das bewusst ist. Es ist auch klar, dass wir als Gesellschaft darüber eigentlich viel mehr miteinander reden sollten! 

Denn:

“Wer etwas gegen den Klimawandel tun möchte, der könnte ganz einfach öfter mit Freunden oder Familienmitgliedern über das Thema reden”

Doch wer schon einmal eine frustrierende Erfahrung damit gemacht hat, weiß: Das ist gar nicht so einfach, oft super anstrengend und bringt gefühlt nichts! Also: lieber lassen? Man will ja auch nicht die nervige Veganerin sein, die allen die Grillparty versaut mit ihrem Maiskolben, ihrer moralischen Arroganz und den bad news vom Weltuntergang. Will ich auch nicht.

Aber: Wenn wir wollen, dass das Klimathema immer mehr ins Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit rückt, müssen wir es dahin bringen, indem wir darüber reden. Nur vielleicht anders als bisher? Die gute Nachricht ist: (Klima-)Kommunikation lässt sich lernen!

Darüber haben sich schon viele schlaue Menschen Gedanken gemacht und deswegen ist dieser Artikel vor allem eine Einladung, sich mit dem Thema weiter zu beschäftigen. Meine persönliche Empfehlung ist das Handbuch von klimafakten.de, das es auch als reader oder podcast gibt.

Dort geht es zunächst einmal darum, sich klarzumachen, was bisher schief gelaufen ist und was die Hindernisse sind, denen wir begegnen, um daraus Strategien für gute Kommunikation zu entwickeln. Ich habe euch meine bisher wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst:

 

Erkenntnis Nr. 1: Mehr Wissen führt nicht automatisch zu einer Verhaltensänderung

Wir wissen ja schon lange vom Klimawandel und was man dagegen tun müsste. Trotzdem ist eine grundlegende Verhaltensänderung nicht zu beobachten. Lange wurde aber in der Kommunikation allein auf die Wissensvermittlung gesetzt. Sie ist auch nach wie vor sehr wichtig, keine Frage, besonders in Zeiten von fake news und bewussten Strategien des Klimawandelleugnens.

Aber wir Menschen brauchen scheinbar mehr als Zahlen und Fakten, um in die Reflexion und Änderung unseres Lebens zu kommen. Dabei geht es um Gefühle, Werte, aber auch den sozialen Kontext und deren Normen, die es zu beachten gilt.

 

Erkenntnis Nr. 2: Es gibt eine ganze Reihe psychologischer Hindernisse, die eine Verhaltensänderung erschweren

Dazu gehört, dass sich Menschen noch in emotionaler Distanz zur Krise befinden, sei es zeitlich („ein Problem für die Zukunft“), räumlich („Klimawandel findet woanders statt“) und sozial („meine Liebsten und ich sind nicht betroffen“). Außerdem bewerten Menschen einen gegenwärtigen scheinbaren Verlust schwerer als einen möglichen zukünftigen Gewinn. Bei der Klimakrise gilt aber beides: Wir müssen jetzt etwas ändern (und haben dabei Verlustängste), damit es uns scheinbar erst in der Zukunft besser geht.

 

Erkenntnis Nr. 3: Es gibt Gegenstrategien für diese Hindernisse, die sich lernen lassen

  • So kommt es bei guter (Klima-)Kommunikation darauf an, den Hintergrund und die Werte des Gegenübers zu kennen und sich auf das jeweilige Publikum einzustellen. Wer redet mit wem? Gibt es gemeinsame Werte, auf die ich aufbauen kann?
  • Es braucht eine Vielfalt an Klimakommunikator*innen, zu denen möglichst viele und jeweils verschiedene gesellschaftliche Gruppen Vertrauen haben. Emotionen, das Aufzeigen der eigenen Verletzlichkeit sowie Zuhören und Zugewandtheit können dies stärken.
  • Die richtigen Worte sind entscheidend. Die katastrophalen Auswirkungen der Klimakrise dürfen und sollten in aller Deutlichkeit benannt werden, jedoch nicht ohne konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
  • Beim Thema Wortwahl gilt es auch das framing, also die möglichen Assoziationen und dahinterliegenden Bedeutungen zu bedenken. So habe auch ich mir mittlerweile angewöhnt, von Klimakrise, statt Klimawandel zu sprechen, weil es die Situation als angemessen krisenhaft bewertet. Worte sind mächtig.
  • Letztlich geht es um die Geschichten, die wir uns erzählen. Wird ein Hitzesommer in Deutschland in Zusammenhang mit der Krise gebracht oder nicht? Während ich tippe, wütet ein Unwetter mit Sturmböen, Gewitter und Starkregen vor meinem Fenster. In Baden-Württemberg. Bei uns. Darum geht es: Menschen zu zeigen, dass die Klimakrise längst da ist, auch bei uns.

 

Es geht darum, diese und weitere Strategien zu lernen, um positivere Erfahrungen mit den Gesprächen über das Klimathema zu machen. Die meisten Menschen in Deutschland halten das Thema für wichtig. Das Ziel ist, einen gesellschaftlichen Trend zu setzen, der es auf Punkt eins der politischen Tagesordnungspunkte setzt.

Dabei sollte man nicht nur auf das Individuum schauen. Das Ganze bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Je akzeptierter klimagerechtes Leben gesellschaftlich ist, desto mehr Menschen werden sich anschließen.

Das ist die Vision unserer Initiative:
Einen sozialen Kipppunkt zu erreichen, nach dem klimagerechtes Leben die neue Norm ist. Denn Menschen richten sich immer nach dem sozialen Umfeld. Die Angst vor Ablehnung ist oftmals der Grund für die sogenannte „Schweigespirale“ – also, dass Menschen nicht über das Thema sprechen, obwohl es ihnen wichtig ist. Diese gilt es zu durchbrechen und dafür ist es wichtig, sich mit anderen Menschen zusammenzutun. Das Ganze ist kein Einzelkampf und leider auch kein kurzer Sprint. Aber nichts ist schöner, als Selbstwirksamkeit zu erfahren und sich mit anderen zu verbinden.

Von Seiten unserer Initiative ist aus diesem Anliegen heraus der offene Klimatalk in Heidelberg und Bergisch-Gladbach entstanden. Termine sind auf der Website, auf Instagram oder im Newsletter zu finden. Schau gerne mal vorbei oder such/gründe dir etwas Ähnliches in deiner Umgebung! Ich persönlich finde es total ermutigend, mich mit Menschen auszutauschen, die mit dem Thema auch irgendwie (und vielleicht ganz anders) auf dem Weg sind. Werbung Ende 😊

 

Wir alle sind Klimakommunikator*innen und mit dem richtigen Handwerkszeug lässt sich vielleicht der Frust und das Schweigen in lebendige, fruchtbare Kommunikation umwandeln. Wir alle können einen Beitrag leisten, unsere Stimme laut werden lassen und somit auch der Politik zeigen, dass es ein gesellschaftlich relevantes Thema ist und wir die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen werden, wenn sie ihrer Verantwortung weiterhin nicht nachkommen. Ganz einfach: Weil es uns nicht egal ist. 


Tabea Schünemann

WARUM POLITIK?

WARUM POLITIK?

Warum Politik?

von Tabea Schünemann und Roland Vossebrecker

Selbstverpflichtung zum politischen Engagement

Die verschiedenen Punkte im Vertrag mit dir selbst unserer Initiative Klimagerecht Leben stellen für unterschiedliche Menschen unterschiedlich hohe Hürden dar. Die eine lebt bereits CO2-ärmer, kann aber das üppige Konsumieren noch nicht lassen. Ein anderer tut sich mit dem klimagerechten Spenden schwer. Anderen liegt die überzeugende Kommunikation nicht.

Ein Punkt im Vertrag scheint für manche eine besondere Schwierigkeit zu sein:
Die Selbstverpflichtung zum politischen Engagement. Das scheint dem einen oder der anderen auf den ersten Blick nicht logisch oder notwendig. Gerade in Zeiten von Politikverdrossenheit mag es vielleicht der Aspekt des Vertrages sein, bei dem sich manche überfordert fühlen.

Allerdings ist eine Intention und der Effekt dieses Punktes, langfristig ein Gefühl von Überforderung Einzelner in ihrer Lebensgestaltung zu vermeiden oder wenigstens zu verringern, indem die politischen Verantwortungsträger*innen Rahmenbedingungen schaffen, die ein klimagerechtes Leben erleichtern. 

Ohne politisches Engagement würden wir uns zurecht den Vorwurf einhandeln, den Klimaschutz zu privatisieren. Das wollen wir auf keinen Fall! Wir bilden uns ja nicht ein, mit klimagerechtem Leben die Krise abwenden zu können. Es wäre eine maßlose Überforderung, als Einzelne die Welt retten zu müssen. Das kann nur entschlossenes, politisches Handeln. 

Klimagerechtes Leben wird uns im aktuellen System schwer gemacht. Noch stoßen wir dabei immer wieder an unsere Grenzen, da der nötige gesellschaftliche und politische Rahmen dafür fehlt. 

Es nützt uns wenig, wenn wir nicht mehr Auto fahren möchten, aber der ÖPNV so schlecht ausgebaut oder so teuer ist, dass er auch beim besten Willen keine Alternative darstellt. Es ist schädlich und unfair, wenn vegane Ernährung wesentlich teurer ist als das Billigfleisch aus der Massentierhaltung, wenn die Bahnreise ein Vielfaches der Flugreise kostet.

Und ja, es ist unfair und anstrengend, dass es diese Rahmenbedingungen noch nicht gibt und wir als Individuen sie deswegen bei den Verantwortlichen einfordern müssen, aber nur so ist Veränderung möglich. 

Wir müssen uns auch klarmachen:
Selbst bei konsequentester klimagerechter Lebensführung können wir unseren CO2-Fußabdruck nur auf etwa die Hälfte des deutschen Durchschnitts drücken.
Doch das reicht nicht! Der Rest ist systemisch bedingt und entzieht sich unserem direkten Einfluss. Daher könnten wir dem Klima nicht gerecht werden, wenn wir die Politik außen vorlassen würden! Der Druck auf die politischen Entscheidungsträger*innen muss aufrechterhalten werden, nicht zuletzt, um der fossilen Lobby etwas entgegenzusetzen.
Es ist Teil des klimagerechten Lebens, die politische Ebene ebenso zur Verantwortung zu rufen wie uns selbst.
Von politischer Seite muss klimagerechtes Leben gefördert werden, aber zum diesem Leben gehört auch, dies durch verschiedene Formen politischen Engagements einzufordern und mitzugestalten. Und deswegen: Das Eine tun und das Andere nicht lassen!

Und wir sind nicht machtlos! Wir leben in einer Demokratie, wir können (zum Glück) entscheiden, wer für uns entscheidet. Wir können klimagerechte Entscheidungen einfordern, das ist unser Recht und damit auch unsere Pflicht. Und unser Privileg!

Wir wissen ja: Unsre einzelne Konsumentscheidung ist noch nicht weltverändernd, die Summe aller Entscheidungen allerdings schon. Das Gleiche gilt für politisches Engagement. Der einzelne Wahlzettel bewirkt keine Politikveränderung, die Summe der Wähler*innenstimmen aber machen den Unterschied. Und jede*r Einzelne ist dazu aufgerufen, seinen*ihren Beitrag dazu zu leisten. Deswegen gehört der eigene politische Verantwortungsbereich genauso zur klimagerechten Lebensgestaltung wie die Konsumentscheidungen. 

Hätte ein junges Mädchen sich nicht jeden Freitag mit einem Schild auf die Straße gesetzt, „weil es ja eh nichts bringt“, hätten wir heute nicht die weltweite Protestbewegung von Fridays for future, die wiederum unsere Regierungen unter Druck setzen und zum Nachdenken bringen. Der Schneeballeffekt der eigenen Lebensgestaltung gilt also genauso für unser politisches Engagement. 

 

„…I want you to act!”

Greta Thunberg

Politisches Engagement kann ganz unterschiedliche und kreative Formen annehmen.
Es gibt vielfältige Möglichkeiten der politischen Partizipation und des Engagements. Dafür muss man keiner Partei beitreten oder sich von Autobahnbrücken abseilen.
Wie beim individuellen klimagerechten Leben gilt: Man kann mit dem beginnen, was einem liegt und sich Stück für Stück weiter herausfordern lassen. Nicht alles gleichzeitig, aber auch nicht nichts.
Den Klimaschutz in die eigene Wahlentscheidung mit einfließen zu lassen, ist schonmal ein Anfang.
Demonstrationen und Petitionen sind weitere Möglichkeiten der politischen Teilhabe.
Auf lokaler Ebene suchen Bürgerinitiativen und Klimaschutzvereine engagierte Mitarbeiter*innen (übrigens auch die Initiative Klimagerecht Leben.
Mit Briefen oder Mails können wir unsere Abgeordneten kontaktieren, herausfordern und unsere Anliegen immer wieder vorbringen. Berührungsängste oder übertriebener Amts-Respekt ist da ganz unangebracht: Politiker*innen sind auch nur Menschen! 

u. v. a. m. 

Und wenn man möchte, kann man doch einer Partei beitreten, oder sich von Autobahnbrücken abseilen 😊. 

Tabea Schünemann und Roland Vossebrecker

„In einer Welt, die nicht nachhaltig ist, ist es ein Privileg nachhaltig leben zu können. Der Zug ist oft viel teurer als der Flug, das Biolebensmittel teurer als das andere und so weiter. Wer die Möglichkeiten hat, sich nachhaltig zu verhalten, den würde ich immer dazu ermutigen. Nicht nur für die Welt, viel mehr für sich selbst. Die Art, wie wir unser Leben führen, kann dafür sorgen, dass wir besser mit dem Zustand der Welt klarkommen. Es reduziert die Dissonanzen im Leben und es kostet meiner Erfahrung nach weniger Kraft, sich nicht ewig gegen die eigenen Werte zu entscheiden. 

Aber die großen Hebel liegen nicht da, wo wir für uns allein entscheiden: Ich esse jetzt Tofu. Die großen Hebel liegen dort, wo wir uns organisieren, strategisch Druck ausüben und Wandel initiieren. Und da werden alle gebraucht, die mitmachen können.“

Luisa Neubauer