Der SachverstĂ€ndigenrat fĂŒr Umweltfragen (SRU) hat im MĂ€rz 2024 ein Thesenpapier vorgelegt unter dem Titel Suffizienz als âStrategie des Genugâ:
Eine Einladung zur Diskussion
Suffizienz,
das ist ein Leben im Genug.
Nicht in Armut (denn viele Menschen leben auch heute noch in menschenunwĂŒrdigen Bedingungen), aber auch nicht im Ăberfluss wie die Mehrheit in den reichen Industrienationen, deren Ăbernutzung natĂŒrlicher Ressourcen das Erdsystem und damit die menschliche Zivilisation in den Kollaps fĂŒhren wird.
Der SRU ist ein prominent und vor allem kompetent besetztes Gremium, bestehend aus sieben Professor*innen unterschiedlicher Fachgebiete und hat die Aufgabe, die Bundesregierung(en) in allen relevanten Umweltfragen zu beraten.
Das Problem dabei ist: Trotz der besonderen Kompetenz und Expertise und der offiziellen Funktion des SRU findet die Diskussion ĂŒber die Thesen zur Suffizienz weder gesellschaftlich noch politisch ernsthaft statt. Im Gegenteil: Die politischen Debatten um die Krisen des Klimas, des Artensterbens und weiterer Umweltprobleme drehen sich beinahe ausschlieĂlich um vermeintliche technische Lösungen. Das Thema Suffizienz wird selbst von jenen gemieden, die es besser wissen, von den meisten politischen Parteien aber bewusst ignoriert.
Um es klar auszusprechen: Die Bundesregierung ignoriert ihren eigenen SachverstÀndigenrat ebenso wie es die Parteien der Opposition tun.
Das Thesenpapier des SRU ist von hoher Wissenschaftlichkeit:
Alle 16 Thesen des Diskussionspapiers sind höchst stichhaltig wissenschaftlich untermauert, durch zahlreiche Grafiken, Statistiken und Quellen eindrucksvoll belegt.
Ein derart umfangreicher, wissenschaftlich formulierter Text wird aber â so fĂŒrchten wir – selbst unter politischen EntscheidungstrĂ€ger*innen kaum Leser*innen finden.
Wir legen daher hiermit eine knappe und gut lesbare Zusammenfassung vor.
Das Thema Suffizienz muss endlich ernsthaft diskutiert werden, geht es doch um nichts Geringeres als um den Fortbestand unserer menschlichen Zivilisation! Die wichtigste Aussage lautet:
Ohne Suffizienz wird es nicht gehen!
These 1
Suffizienz ist fĂŒr eine Stabilisierung der Erde innerhalb planetarer Grenzen unerlĂ€sslich
Die Gesellschaften dieser Erde stehen durch Verbrauch und Entsorgung von aus der Umwelt entnommenen Materialien in einer Wechselbeziehung mit ihr, in einem gesellschaftlichen Stoffwechsel.
Durch den enorm hohen Verbrauch in Konsumgesellschaften wird die Umwelt vom Menschen verĂ€ndert und planetare Grenzen werden ĂŒberschritten.
Um dieser Ăberschreitung, die die Lebensgrundlage fĂŒr uns Menschen zerstört, entgegenzuwirken, muss diese Wechselbeziehung gesteuert werden. Dazu reichen technologische effizienzsteigernde MaĂnahmen allein nicht aus.
Es braucht ein Genug des Ressourcenverbrauchs, das die planetaren Grenzen einhÀlt.
Besonders nötig ist Suffizienz im Bereich der Energie, da die massenhafte Verbrennung fossiler EnergietrĂ€ger der Verursacher der Erderhitzung ist.Â
âUm (…) eine Einhaltung planetarer Belastungsgrenzen zu erreichen, ist daher zusĂ€tzlich Suffizienz notwendig, das heiĂt ein kollektives Auskommen mit den innerhalb der Grenzen verfĂŒgbaren Potenzialen der Ressourcennutzungâ (S. 21)
These 2
Suffizienz ist Voraussetzung fĂŒr menschenwĂŒrdiges Leben aller in planetaren Grenzen
Die Klimakrise ist ungerecht in vielerlei Hinsicht.
Dies betrifft die UnverhĂ€ltnismĂ€Ăigkeit von Verursachung und Betroffenheit innerhalb der gegenwĂ€rtigen Generationen, aber auch zwischen den gegenwĂ€rtigen und zukĂŒnftigen Generationen sowie die ungerechte Verteilung von Ressourcen.
Aus dem Leitbild der MenschenwĂŒrde
âkann man zunĂ€chst eine moralische Verpflichtung entnehmen, die ökologischen Krisen einzudĂ€mmen, statt sie voranzutreiben, da die Folgen der Umweltzerstörung absehbar dazu fĂŒhren, dass sich vielerorts die Lebensbedingungen massiv verschlechtern. Die Krisen drohen mitursĂ€chlich dafĂŒr zu werden, dass viele Menschen in menschenunwĂŒrdigen LebensumstĂ€nden verharren oder sogar erst in solche gedrĂ€ngt werden.â (S. 24)
Auch innerhalb planetarer Grenzen ist ein menschenwĂŒrdiges Leben fĂŒr alle möglich.
Allerdings mĂŒssen Menschen mit RessourcenĂŒberkonsum diesen stark reduzieren; das trifft v. a. auf Angehörige der globalen Ober- und Mittelschicht zu.
âDie Einhaltung der planetaren Belastungsgrenzen ist damit eine Voraussetzung fĂŒr ein menschenwĂŒrdiges Dasein aller Menschen.â (S. 24)
These 3
Suffizienz ist notwendiger Teil einer Strategie, um schÀdliche Eigendynamiken der TechnosphÀre einzuhegen
Die Begrenzung des gesellschaftlichen Stoffwechsels ist fĂŒr den Erhalt von ökologischer StabilitĂ€t entscheidend.
FĂŒr unsere Gesellschaft gelten physikalische und chemische Wachstumsgrenzen, Ă€hnlich wie fĂŒr einen Organismus: Je gröĂer Pflanzen und Tiere sind, desto mehr Energie muss ihr Stoffwechsel umsetzen.
Unsere Gesellschaft ist auch ein offenes System mit Energie- und Materienumsatz, weshalb es nahe liegt, dass dieselben Grenzen fĂŒr unsere Zivilisation gelten.
Durch den technologischen Fortschritt, insbesondere im Bezug auf das Verbrennen fossiler EnergietrĂ€ger und deren groĂe VerfĂŒgbarkeit, hat der effiziente Einsatz von Stoffen und Energien an Bedeutung verloren. Es bestehen ohne Frage groĂe Optimierungspotenziale.
Die Kopplung von Wachstum und Verbrauch bedingt aber, dass selbst durch Optimierung von Prozessen (Effizienz) und den Einsatz von umweltschonenden Alternativen (Konsistenz) keine beliebige Reduktion des Ressourcenverbrauchs möglich ist.
Effizienz:
Optimierung von GĂŒtern und Dienstleistungen, um Rohstoffe und Energie einzusparen.
Konsistenz:
Ersatz umweltschĂ€dlicher GĂŒter und Dienstleistungen durch Alternativen mit geringeren Umweltauswirkungen.
Suffizienz:
Absolute Verminderung schĂ€dlicher Auswirkungen durch eine gezielte Vermeidung oder Reduktion bestimmter GĂŒter oder Praktiken.
Genau hier kommt Suffizienz zum Einsatz:
Sie wirkt dem eigendynamischen Wachstumszwang unserer Wirtschaft, vor allem der TechnosphĂ€re, entgegen. Dabei muss sie auf gesellschaftlicher Basis angewendet werden, damit uns ĂŒberhaupt ökologische Handlungsfreiheiten erhalten bleiben und Schaden an Menschen und Umwelt abgewendet werden kann.
âEine Kultur und Praxis der Suffizienz beinhaltet hier die Möglichkeiten (âŠ) einer gezielten, von moralischen Werten und ökologischer Einsicht geleiteten Steuerung gesellschaftlicher Energie- und Stoffströme.â (S. 29)
These 4
Suffizienz kann den Bedarf an Rohstoffen reduzieren und zu ihrer langfristigen VerfĂŒgbarkeit beitragen
Die Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen verursachen einen hohen Verbrauch an FlÀchen, Wasser, Energie und Chemikalien. Weltweit leiden Menschen unter den Folgen des hohen Rohstoffverbrauchs, etwa durch schlechte Arbeitsbedingungen, daraus resultierenden gesundheitlichen Problemen, und Menschenrechtsverletzungen bei ihrer Gewinnung und Verarbeitung.
Es ist ungewiss, ob die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch erfolgreich sein wird. Deshalb braucht es âambitionierte, quantifizierbare politische Zieleâ, um den Ressourcenverbrauch zu reduzieren und die planetaren Grenzen einzuhalten. Ein solches Ziel könnte beispielsweise durch ein Ressourcenschutzgesetz erreicht werden.
Die Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen verursachen einen hohen Verbrauch an FlÀchen, Wasser, Energie und Chemikalien. Weltweit leiden Menschen unter den Folgen des hohen Rohstoffverbrauchs, etwa durch schlechte Arbeitsbedingungen, daraus resultierenden gesundheitlichen Problemen, und Menschenrechtsverletzungen bei ihrer Gewinnung und Verarbeitung.
âEs ist ungewiss, ob die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch erfolgreich sein wird. Deshalb braucht es âambitionierte, quantifizierbare politische Zieleâ, um den Ressourcenverbrauch zu reduzieren und die planetaren Grenzen einzuhalten. Ein solches Ziel könnte beispielsweise durch ein Ressourcenschutzgesetz erreicht werden.
These 5
Die Verbreitung suffizienter Praktiken erfordert auch strukturellen Wandel
Suffizienz auf individueller Ebene wird nicht ausreichen, um den gewĂŒnschten Effekt zu erzielen. Individuelle Entscheidungen hĂ€ngen stark von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Suffizienz sollte als eine gesamtgesellschaftliche Innovation verstanden werden, die auf verschiedenen Ebenen stattfindet.
Die Aufgabe der Politik ist es, Strukturen zu schaffen, die suffiziente Lebensstile ermöglichen. Auf kultureller Ebene muss ressourcenschonendes Verhalten zu einem neuen gesellschaftlichen Leitbild werden. Zahlreiche Infrastrukturen mĂŒssen angepasst werden, im Bereich des Rechts- und Wirtschaftssystem, der Energie- und Verkehrssysteme sowie unserer Werteordnung.
âDass Suffizienz aber in öffentlichen Diskursen ĂŒberwiegend als aus eigenem Antrieb motivierter VerhaltensĂ€nderung gedacht wird, zeigt, wie tabuisiert die Idee einer gemeinschaftlichen SelbstbeschrĂ€nkung ist.â (S. 30)
These 6
Ressourcenintensive Lebensstile gefÀhrden die Freiheit anderer und es gibt keinen moralischen Anspruch, dies zu ignorieren
Gegen die EinschrÀnkung von ressourcenintensiven Verhaltensweisen wird oftmals der Vorwurf erhoben, die persönliche Freiheit sei damit gefÀhrdet.
âDamit wird implizit der Anspruch erhoben, die ökologischen Auswirkungen des eigenen Lebensstils auf andere nicht berĂŒcksichtigen zu mĂŒssen, weil dieser als AusĂŒbung der persönlichen Freiheitsrechte verstanden wird.â (S. 32)
Bei Suffizienz geht es stattdessen darum, Freiheitsrechte derjenigen zu schĂŒtzen, die durch die ökologischen Folgen dieser Verhaltensweisen gefĂ€hrdet sind.
Dies ist dabei v.a. Aufgabe des Gesetzgebers und die dafĂŒr notwendigen EinschrĂ€nkung der Freiheiten ist in Einklang mit dem FreiheitsverstĂ€ndnis des Rechtsstaats.
Freiheit bedeutet hier, âalles tun zu können, was einem anderen nicht schadetâ, wie es schon in Art. 4 der französischen ErklĂ€rung fĂŒr Menschen- und BĂŒrger*innenrechte definiert ist. (S. 33)
Dies lĂ€sst sich moralisch untermauern mit ideengeschichtlichen Konzepten wie Kants kategorischem Imperativ, dass nur nach der Maxime zu handeln ist, die Grundlage allgemeinen Gesetzes sein könnte. Anders ausgedrĂŒckt: FĂŒr Ăberkonsum, der mehr verbraucht als einem zusteht, gibt es keine moralische Rechtfertigung.
âIn diesem Kontext kann Suffizienz als ausgleichendes Element zwischen sich gegenĂŒberstehenden FreiheitsansprĂŒchen von Menschen mit hohem Konsum auf der einen Seite und Menschen mit niedrigem Konsum sowie jungen und kĂŒnftigen Generationen auf der anderen Seite (s. These 2) verstanden werden.â(S. 32)
These 7
Suffizienz konfrontiert die Gesellschaft mit den WidersprĂŒchen der westlichen Moderne
Der Begriff âwestliche Moderneâ drĂŒckt ein SelbstverstĂ€ndnis von v.a. europĂ€ischen Gesellschaften aus, ein aufklĂ€rerisches System aus Werten und Normen als Grundlage zu teilen. Wichtig an dieser Stelle ist ein Narrativ von unabdingbar wachsendem Fortschritt.
Eine Strategie der Suffizienz stellt dies grundlegend infrage und weist auf Krisen und soziale MissstĂ€nde hin, die diesem widersprechen. Denn dieses Denken speist sich aus Rassismus und Eurozentrismus, was wiederum die ideelle Grundlage des Kolonialismus sowie der heutigen globalen Ungerechtigkeit und Ausbeutung war und ist. Dies steht wiederum im Zusammenhang mit anderen strukturellen UnterdrĂŒckungssystemen wie dem Patriarchat.
Diese Problematiken machen auch wieder deutlich, warum ein rein technologischer Weg nicht ausreicht, sondern im Gegenteil manche AbhĂ€ngigkeits â und Ausbeutungsmechanismen verstĂ€rkt. Dass unsere Welt postkolonial strukturiert ist und dieses rassistische, sexistische usw. Denken so tief verwurzelt ist, erschwert den Diskurs, macht eine Reflektion dessen aber umso notwendiger. Die Chance liegt darin, neu ĂŒber ein gerechtes Zusammenleben fĂŒr alle nachzudenken, ganz im Sinne der AufklĂ€rung.
âDer Suffizienzdiskurs macht eine Auseinandersetzung mit diesen WidersprĂŒchen und Defiziten erforderlich.â (S. 34)
These 8
Suffizienz erfordert ein zukunftsfÀhiges WohlfahrtsverstÀndnis und ein vorsorgeorientiertes Wirtschaftssystem
Unendliches materielles Wachstum ist in einer endlichen Welt nicht möglich. Die Frage ist, inwieweit sich das Wirtschaftswachstum vom materiellen Ressourcenverbrauch entkoppeln lĂ€sst. Unser derzeitiges Wirtschaftssystem beruht auf Wachstum, um Wohlstand zu erzeugen. Bereits heute wird kritisiert, dass das Versprechen âWohlstand fĂŒr alleâ nicht eingelöst wird.
Vertreter*innen des âgrĂŒnen Wachstumsâ glauben, dass technologischer Fortschritt Wirtschaftswachstum mit immer geringeren UmweltschĂ€den ermöglichen kann.
Vertreter*innen der âDegrowthâ-Bewegung hingegen wenden ein, dass es keine wissenschaftliche Grundlage fĂŒr eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und UmweltschĂ€den gibt.
DarĂŒber hinaus muss unsere Wirtschaft so gestaltet werden, dass wesentliche Institutionen und die Wohlfahrt trotz stagnierenden oder schrumpfenden Wirtschaftswachstums innerhalb der planetaren Grenzen funktionsfĂ€hig bleiben. Diese Diskussion wirft grundlegende Fragen zum VerstĂ€ndnis von Wohlfahrt, zur Verteilung von Reichtum und zur Struktur des Finanzsystems auf.
Ein zukunftsfĂ€higes Wirtschaftssystem ist unabhĂ€ngig vom Wachstum und ermöglicht wĂŒnschenswertes Wachstum in Bereichen wie erneuerbare Energien, Bildung, Gesundheit und soziale Arbeit.
âJenseits des Green-Growth-Degrowth-Disputs bedarf es dringend konkreter Schritte, um gesellschaftliche Wohlfahrt innerhalb ökologischer Grenzen bei möglicherweise stagnierendem oder sinkendem Wirtschaftswachstum sicherzustellen. Vor diesem Hintergrund spricht sich der SRU erneut fĂŒr eine vorsorgende WachstumsunabhĂ€ngigkeit aus.â
(S. 37)
These 9
Eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft setzt Suffizienz voraus
Eine Kreislaufwirtschaft zielt darauf ab, den Rohstoffverbrauch und die Abfallproduktion durch VerĂ€nderungen in allen Phasen des Produktlebenszyklus zu minimieren. Dabei geht es weit ĂŒber reines Recycling hinaus: Es muss grundsĂ€tzlich hinterfragt werden, wie viel wir wirklich benötigen und wie wir mit Produkten umgehen. Der Schwerpunkt liegt auf der Vermeidung von Abfall und einer geringeren Nachfrage nach Rohstoffen.
In einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft konsumieren wir weniger, produzieren in höherer QualitĂ€t, behalten Produkte lĂ€nger und reparieren sie. Suffizienz ist hierbei eine wesentliche Voraussetzung. Um dies zu erreichen, mĂŒssen Anreize fĂŒr Unternehmen geschaffen werden, etwa durch das europĂ€ische Recht auf Reparatur. Auch die Konsument*innen mĂŒssen ihr Konsumverhalten anpassen, indem sie anders und weniger konsumieren.
âNachhaltiges und zirkulĂ€res Wirtschaften kann die AbhĂ€ngigkeiten von wichtigen Rohstoffen reduzieren. Unternehmen werden widerstandsfĂ€higer und erfolgreicher. AuĂerdem kann sich die LebensqualitĂ€t und Gesundheit der Menschen verbessern.â (S. 44)
These 10
Eine Politik der Suffizienz ist verfassungsrechtlich möglich und unter bestimmten Bedingungen sogar geboten
Das Grundgesetz verpflichtet den Staat zum Klimaschutz (Art 20a GG).
Dies kann mit EinschrĂ€nkungen einhergehen, wenn die Freiheit anderer bedroht ist. Auch dies ist verfassungsrechtlich gedeckt und schlieĂt die Rechte zukĂŒnftiger Generationen mit ein (Beschluss des Bundesverfassungsgerichts 2021). Dies bedeutet, dass die immer nötiger werdenden Reduktionen und EinschrĂ€nkungen nicht nur den zukĂŒnftigen Generationen ĂŒberlassen werden dĂŒrfen. Das Problem darf also nicht in die Zukunft verlagert werden.
Auch mit dem staatlichen Ziel der Wirtschafts- und Wohlstandsförderung ist unzureichender Klimaschutz nicht zu vereinbaren, da auch diese langfristig von den Folgen der Klimakrise gefĂ€hrdet sind. Da abzusehen ist, dass allein technische Lösungen nicht reichen, um die staatliche Verpflichtung auf Klimaschutz einzuhalten, ist Suffizienz sogar rechtlich geboten! Eine Aufgabe des Gesetzgebers besteht u.a. darin, Belastungsgrenzen konkret festzulegen. Dabei muss er âwissenschaftlichen Erkenntnissen angemessen Rechnung tragenâ (S. 46) und rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, die Suffizienz ermöglichen.
âSuffizienz ist eine legitime Form demokratischer Politikgestaltung.â(S. 45)
These 11
Kultureller Wandel ist Voraussetzung fĂŒr und Resultat von Suffizienzpolitik
Unsere modernen Gesellschaften sind in ihrer Struktur nicht auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Ein suffizientes Leben steht daher im Widerspruch zur gĂ€ngigen Praxis. Dieses ist schwierig, da nachhaltige Lösungen oft teurer oder unbequemer sind und die Wertvorstellungen und Standards des Mainstreams nachhaltig lebende Menschen zu AuĂenseiter*innen machen.
Ein Umbau der sozialen Strukturen und ein besseres Angebot an nachhaltigen Lösungen wird Suffizienz ermöglichen. Andererseits kann ein genĂŒgsames Leben selbst auch neue MaĂstĂ€be setzen, kann Möglichkeiten aufzeigen, ZwĂ€nge und Gewohnheiten hinter sich zu lassen, und kann zeigen, dass ein anderes Leben nicht nur möglich, sondern auch lohnend ist!
Die Pionier*innen eines nachhaltigen Lebensstils haben in diesem Sinne eine wichtige Vorbildfunktion.
âIn diesem Sinne bedeutet eine neue Praxis der Suffizienz kulturellen Wandel.â (S. 48)
These 12
Suffizienz kann Baustein eines gelingenden Lebens sein
Viele Menschen in den reichen LĂ€ndern leiden heute unter Stress und Ăberlastungen bis zu modernen Erkrankungen wie Burnout oder Depressionen.
Die Verkleinerung oder Beseitigung von KonsumzwĂ€ngen durch ein genĂŒgsames Leben hĂ€tte viele positive Nebeneffekte: Verbesserte Gesundheit und Wohlbefinden, entspanntere Zeiteinteilung und gestĂ€rkter sozialer Zusammenhalt. Praktiken des Teilens, Leihens, Tauschens von Dingen und FĂ€higkeiten, von gegenseitiger Hilfe fördern den âBeziehungswohlstandâ.
ArmutsgefĂ€hrdete oder Menschen, die in Armut leben (auch diese gibt es in Deutschland) hĂ€tten durch ein gröĂeres Angebot an nachhaltigen Möglichkeiten mehr Teilhabe und könnten Ihre LebensqualitĂ€t deutlich verbessern.
âEine suffiziente Praxis (beinhaltet) auch das Potenzial, zu (âŠ) weniger entfremdeten Weltbeziehungen und (âŠ) einem gelingenden Leben beizutragen.â (S. 58)
These 13
OÌkonomische Analysen zu OÌkologie und Verteilungsgerechtigkeit bereichern den SuFFiZienzdiskurs
In der uÌblichen Betrachtungsweise unserer Wirtschaft wird der Gerechtigkeitsgedanke straÌflich vernachlaÌssigt. Wir brauchen dringend ein erweitertes VerstaÌndnis uÌber die Nutzung knapper Ressourcen, das Gerechtigkeitsfragen in den Mittelpunkt stellt.
Dabei muss es auch um gesellschaftlich vereinbarte SelbstbeschraÌnkung gehen, um langfristig handlungsfaÌhig zu bleiben. Der kurzfristige/kurzsichtige Ausverkauf von Ressourcen fuÌhrt stattdessen zu Katastrophen, die nicht mehr kontrollierbar sein werden. Dies war auch schon der Kerngedanke des Pariser Klimaschutzabkommens.
„Ăkonomische Analysen sollten explizit auch Gerechtigkeit, insbesondere Verteilungsgerechtigkeit, thematisieren.â (S. 60)
These 14
Suffizienzpolitik wird auf gesellschaftliche WiderstÀnde treffen
Wegen gewohnter Denk- und Verhaltensmuster ist zu erwarten, dass MaĂnahmen zur Verringerung des Verbrauchs besonders bei wohlhabenden und konsumorientierten Menschen als unzumutbarer Verzicht oder gar als bevormundender Eingriff in die persönliche Freiheit empfunden werden.
Hier entstehen Spannungen zwischen dem Anspruch eines nachhaltigen und verantwortungsvollen Lebens mit der Vorstellung einer individuellen âFreiheitâ, in die der Staat nicht eingreifen dĂŒrfe. (siehe These 6)
Der SRU befĂŒrwortet ordnungsrechtliche MaĂnahmen (Ge- und Verbote), die jedoch offen, ehrlich und mutig kommuniziert werden mĂŒssen:
- Die Erkenntnis, dass natĂŒrliche Ressourcen nicht weiter sorg- und grenzenlos genutzt werden können, darf nicht vertuscht werden.
- Die schwerwiegenden Folgen des Nicht-Handelns, also zu erwartende Verluste und Risiken, mĂŒssen klar benannt werden.
- Gleichzeitig mĂŒssen die positiven Aspekte und Chancen einer anderen, gerechteren und nachhaltigen Gesellschaft deutlich gemacht werden.
âEine suffiziente Praxis (beinhaltet) auch das Potenzial, zu (âŠ) weniger entfremdeten Weltbeziehungen und (âŠ) einem gelingenden Leben beizutragen.â (S. 58)
Es braucht Narrative (ErzĂ€hlungen, Leitbilder, Vorbilder, Visionen) fĂŒr eine bessere Zukunft, die anschlussfĂ€hig und begeisternd sind. Diese zu entwickeln ist auch die Aufgabe der
âPionier*innen des Wandels, also Einzelpersonen, Gruppen oder Organisationen, die Transformation (âŠ) âvon untenâ durch Innovationen und nachhaltige Praktiken anstoĂen.â (S. 62)
These 15
Suffizienzpolitik muss sozial gerecht gestaltet werden und kann Ungleichheit verringern
Eine Strategie des Genug verfolgt das Ziel, ein nicht zu viel (kein Ăberkonsum) mit dem nicht zu wenig (keine Armut) zu verbinden. Dies lĂ€uft auf eine gerechtere Verteilung von Ressourcen hinaus.
Daher erfordert der Umwelt- und Klimaschutz besonders von Einkommensstarken und Vermögenden eine deutliche Verminderung des Verbrauchs.
Preise, die die ökologischen Kosten widerspiegeln, sind zwar grundsĂ€tzlich wĂŒnschenswert, könnten aber Ă€rmere Menschen ĂŒbermĂ€Ăig belasten. ZielfĂŒhrender wĂ€ren die gezielte Bepreisung von LuxusgĂŒtern, sowie strukturelle verteilungspolitische MaĂnahmen.
Der Klimawandel wird sich negativ auf Wirtschaft und Wohlstand auswirken. Soziale Konflikte werden bei sich verstÀrkenden Krisen unausweichlich. Dem ist nur durch eine gerechtere Verteilung von Wohlstand zu begegnen.
âAufgrund des engen Zusammenhangs zwischen ökonomischer Ungleichheit und Ressourcenverbrauch bietet Suffizienz eine Chance, umwelt- und sozialpolitische VerĂ€nderungen zusammenzudenken (âŠ)â(S. 63)
Â
These 16
Es bedarf einer VerstĂ€ndigung auf zentrale Handlungsfelder fĂŒr SuffizienzmaĂnahmen
Aufgrund der zeitlichen Dringlichkeit, der Belastung ökologischer Ressourcen und der Unumkehrbarkeit von SchĂ€den im Erdsystem ist es zwingend notwendig, sich ĂŒber vorrangige MaĂnahmen zu einigen.
Im Zentrum der unterschiedlichen AnsĂ€tze von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft (BĂŒrger*innen) stehen die zu entwickelnden Leitbilder, Narrative und Zukunftsvisionen.
Welche Gesellschaft wollen wir sein?
âSuffizienz berĂŒhrt sĂ€mtliche Lebensbereiche des Menschen.â(S. 64)
Â
Fazit und Nachwort (der Initiative KlimaGerecht Leben)
â⊠und es gibt keinen moralischen Anspruch, dies zu ignorieren.â
So steht es in These 6. Und doch ist es genau das, was zurzeit passiert.Â
Die Bundesregierung verfĂŒgt mit dem SRU ĂŒber einen vorzĂŒglichen SachverstĂ€ndigenrat, dessen hohe fachliche QualitĂ€t auĂer Frage steht. Die vom SRU vorgelegten Thesen sprechen eine eindeutige Sprache.
Das Thema Suffizienz ist fĂŒr den Erhalt unserer freien demokratischen Ordnung, fĂŒr den Erhalt unserer Lebensgrundlagen und unserer menschlichen Zivilisation von entscheidender Bedeutung.
Es sei auch darauf verwiesen, dass der Ethikrat in seiner Stellungnahme zur Klimagerechtigkeit zu einer sehr Ă€hnlichen EinschĂ€tzung kommt ĂŒber die Notwendigkeit einer suffizienten Lebensweise:
Suffizienz ist ein herausforderndes Thema, gewiss, aber es bietet auch viele Chancen, die weit ĂŒber die BewĂ€ltigung der lebensbedrohlichen Krisen unserer Zeit hinausgehen.
Dennoch ist nicht erkennbar, dass es vonseiten der Regierung (und der Opposition) auch nur AnsÀtze gÀbe, dieses zu diskutieren, anzuerkennen, geschweige denn, es umzusetzen.
Das darf nicht sein!
Wozu gibt es einen SachverstÀndigenrat, wenn er konsequent ignoriert wird?
Wir fordern daher die Bundesregierung und auch die Parteien der Opposition auf, sich endlich dieses Themas anzunehmen und den Empfehlungen des SRU zu folgen.
Denn diese Ignoranz gefÀhrdet unser aller Zukunft!
Das vollstÀndige Thesenpapier des SRU ist hier nachzulesen.
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