Lützi lebt – weiter!   ein Nachruf

15.03.23 | Archiv

von Tabea Schünemann und Julia Schünemann

Lützerath ist geräumt, der Kampf gegen die Kohle scheinbar verloren. Einige Wochen nach der Großdemonstration sitzen wir zuhause und fragen uns: Lützerath – was bleibt? War das jetzt alles umsonst? Hätte ich mir die schlammigste Demonstration meines Lebens sparen können?  Konnte sich nicht mal das kleine Dorf in Gallien, äh NRW, den mächtigen Römern, äh RWE, entgegenstellen? Stirbt mit Lützerath nicht nur das 1,5 Grad-Ziel, sondern auch die Hoffnung? 

Jeder Frust, jede Resignation ist völlig nachvollziehbar. Für mich persönlich ist das jedoch keine Option. Ich möchte trotzig hoffnungsvoll bleiben. Also, was bleibt?

Zum einen eine Erfahrung von Demokratie. “This is, what democracy looks like!”
Ja! So viele Menschen haben deutlich gemacht: Es ist ihnen nicht egal, was mit der Welt passiert. Es wurde Solidarität gezeigt.
Mit den Menschen, die sich schon seit Wochen, Monaten und Jahren dafür eingesetzt haben und mit den Menschen, die insgesamt am meisten unter der Klimakrise leiden. Greta Thunberg und andere stellten dieses kleine Dorf in den Zusammenhang der globalen Klimabewegung. Es war klar: Hier geht es auch, aber nicht nur um ein konkretes Dorf.

Lützerath hat sich getraut, Grundsatzfragen aufzuwerfen:
Wie soll deutsche Klimapolitik aussehen?
Welchen Weg wollen wir gehen?
Von welcher Welt träumen wir?

Geht es um das Geld oder die Menschen? Die Aktivist*innen haben gezeigt: Sie sind nicht einverstanden mit dem bisherigen Weg und es ist Zeit für ein Umdenken. In Lützerath kam das ganze Dilemma deutscher Klimapolitik zusammen: Die Macht des Lobbyismus, eine unbegründete Sorge um Energieversorgung, die Priorisierung des eigenen Wohlstands, „Realpolitik“ vs. die Kompromisslosigkeit und Dringlichkeit der Klimakrise und ein aggressiver Umgang mit denen, die die nötigen Schritte einfordern. Aber es ist möglich, sie einzufordern. Ein passives Ertragen aller Entscheidungen ist keine Option. Und es sind viele, denen das alles nicht egal ist.
Wir sind nicht alleine mit unserem Engagement, wir können uns vernetzen und an anderen Stellen weitermachen. Was ja auch schon geschieht.
Wir alle sind Teil der Demokratie und es geht darum, sie wieder mehr mitzugestalten. Das ist unser Recht und unsere Pflicht.
Lützi lebt weiter, solange wir seinen Geist weiterleben lassen. 

Tabea Schünemann

 

Was außerdem von Lützi bleibt: Erfahrungen, die nicht vergessen werden und der Traum von einer besseren Welt.

Denn Lützi war ein Ort der Hoffnung, des Umdenkens und der Veränderung. Festgefahrene, gesellschaftliche Strukturen wurden auf den Kopf gestellt und die eigenen Lebensweisen hinterfragt. Eine Person, die zu der Zeit des Widerstands dort quasi Vollzeit gelebt hat, meinte einmal zu mir, sie lebe so gerne in Lützi, weil sie dort ein Leben mit den wenigsten Widersprüchen führen kann. 

Und das habe ich auch so erlebt: Hier ging es wirklich um die Menschen, die sich für sich und ihre Umwelt einsetzen. Das selbstorganisierte Leben sollte kapitalistische Muster von Konkurrenz und Profit ersetzen und unserer Konsumgesellschaft eine Alternative bieten.
Und das hat sich auch im alltäglichen Leben widergespiegelt. Die Gemeinschaft war unglaublich stark. Es wurde sehr viel Wert auf Offenheit, „Awareness“, also Achtsamkeit, Reflexion, Selbstbestimmung und Freiheit gelegt, ganz nach dem Motto „alles kann, nichts muss.“ Jeder Mensch durfte sich einbringen, wo er wollte und auch die allgemeinen Aufgaben, die anfielen, wurden gemeinschaftliche getragen. Durch die solidarische Grundeinstellung waren alle sehr hilfsbereit und auch die weniger angenehmen Punkte auf der Agenda (z.B. der Kloputz oder das Abspülen) wurden immer übernommen. Es war für mich auch eine tolle Erfahrung, ganz praktisch mit anzupacken und z. B. in der „KüfA“, der „Küche für Alle“, für mehrere hundert Personen Gemüse zu schnibbeln oder an den Baumhäusern weiterzubauen.
Ein Spruch, der mir da besonders im Kopf geblieben ist, lautet: „Bau auf, was dich aufbaut!“ Was für eine Einstellung!

Aber vor allem galt natürlich „Lützi Lebt“, also Lützerath lebendig zu machen!
Lagerfeuer mit Musik, Partys, Konzerte, Film- und Themenabende, lange Gespräche oder gemeinsames Kaffeetrinken an der Kante des Kohletagebaus waren an der Tagesordnung und haben das Leben geprägt. Das hat Lützerath auch zu so einem besonderen Ort gemacht: Hier wurde das Leben gefeiert und man hat erlebt, dass man nicht viel braucht, um ein Leben in Fülle und mit Qualität zu führen.

Und was bleibt davon?

Der gemeinsame Kampf für Gerechtigkeit und Veränderung geht weiter, auch bei jeder und jedem einzelnen von uns.
Lützi hat gezeigt, dass wir jeden Tag ein Stück weit die Wahl haben, wie wir leben wollen – auch in dem System, in dem wir leben.
Wir sind dazu angehalten, häufiger unsere Lebensweise zu hinterfragen, uns über Klimagerechtigkeit auszutauschen, und uns nicht davor zu scheuen, konkrete Veränderungen in unserem Leben zu schaffen und auf gesellschaftlicher und politischer Ebene zu fordern. 

Solidarität statt Egoismus, Toleranz statt Ignoranz, Engagement statt Gleichgültigkeit, Entschlossenheit statt Angst.

Lützi lebt weiter!

Julia Schünemann

1 Kommentar
  1. Danke, ihr beiden, sehr inspirierende Texte und spannende Einblicke!

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