Warum wir weniger arbeiten sollten

Warum wir weniger arbeiten sollten

 

Warum wir weniger arbeiten sollten 

von Tabea Schünemann

These 1: Arbeit ist politisch 

 

Das Thema Arbeit ist gerade hoch im Kurs in der politischen Debatte. Während Merz und Co. das Recht auf Teilzeitarbeit abschaffen wollen und Menschen ihre systemisch erzeugte Erschöpfung vorwerfen, gehen aktuell bundesweit Bus- und Bahnfahrer*innen im Streik auf die Straße für lebensnotwendige Entlastung. Hier geht es um ein Wahlmodell, in welcher Form diese erfolgen kann: mehr Lohn, mehr Urlaub oder Reduzierung von 38h auf eine 35h Woche bei vollem Lohnausgleich. Der Kommunale Arbeitgeberverband in Sachsen ging stattdessen in die Verhandlung des Tarifvertrags Nahverkehr (TVN26) mit der Forderung einer Erhöhung der Arbeitszeit auf 40h/Woche ohne Lohnausgleich, Streichung von Zuschlägen und weniger Krankengeld. Forderungen à la CDU. 

 

Der Merz-Sprech ist Hohn in den Ohren der überlasteten Beschäftigten. „Ich will mich nicht weiter wie eine Zitrone ausquetschen lassen, ich bin doch keine Maschine“, sagt ein Straßenbahnfahrer bei einer ver.di Versammlung, „ich will mehr für meine Kinder da sein können“. Scheinbar ist ein krankes Kind zuhause zu haben, aber kein Grund für seine Chefs, eine Krankschreibung seinerseits zu akzeptieren. Ob er nicht eine Frau zu Hause habe, die sich kümmern könne? Pah!

 

  • Wir müssen weniger arbeiten, wenn wir das mit der Geschlechtergerechtigkeit hinkriegen wollen. Damit wir uns die Sorgearbeit überhaupt gerecht aufteilen können.

 

Auch Migrationspolitik setzt sich in Arbeitspolitik um. Faustregel: Wer einen unsicheren Aufenthaltsstatus hat, hat meist die beschisseneren Jobs. Und ist leichter durch Angst vom Streiken abzubringen, das wissen die Arbeitgeber durch alle Branchen hinweg ganz genau. Spaltung durch Rassismus, Sexismus usw. ist immer noch das erfolgreichste Mittel gegen einen gemeinsamen erfolgreichen Arbeitskampf. Umgekehrt kann man aber genauso gut sagen: Solidarität am Arbeitsplatz im gemeinsamen Kampf für gerechte Bedingungen ist das wirksamste Mittel gegen Spaltung, Hass, Ausgrenzung. „“Zusammen geht mehr“ ist nicht nur ein netter Slogan“, sagt ein Mitarbeiter nach einem Streiktag neben mir beim Pizzaessen, „es ist unsere Erfahrung“. 

 

Wer also gegen rechts und für ein gutes Leben für alle eintreten will, ist bei der Unterstützung von Streiks im öffentlichen Dienst richtig. Und sei es nur durch das eigene Verständnis und positiv darüber Reden. 

 

Aber was hat das jetzt mit dem Klima zu tun?

 

These 2: Weniger arbeiten ist Bedingung für eine lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten

 

Ich kenn das von mir: Wenn ich gestresst bin und wenig Zeit habe, treffe ich schlechte Entscheidungen fürs Klima. Schnell noch die Tiefkühlpizza reinschieben, schnell was bestellen, weil zum Laden zu gehen hab ich keine Zeit und um die Hose zu reparieren, auch nicht, also zack, ne neue gekauft. Alles nicht so sehr „Leben im Genug“, wie der Sachverständigenrat für Umweltfragen es als notwendige Strategie fordert. 

Die Autorin Sara Weber schreibt: „Zeit ist eines der wichtigsten Güter, das wir brauchen, um die Klimakrise zu bekämpfen“. Wir brauchen Zeit, um uns zu engagieren, auszutauschen, zu vernetzen, zu bilden, Gewohnheiten zu ändern, und uns einzusetzen. Fakt ist auch: Länder mit kürzerem Arbeitspensum haben tendenziell einen geringeren ökologischen Fußabdruck. 

Woran liegt das? 

 

  • Wer weniger arbeitet, pendelt weniger. So ließen sich ratz fatz Millionen Tonnen CO2 einsparen. Studien aus Großbritannien zeigen: Würde die Viertagewoche auf breiter Basis eingeführt, wäre das so wirksam, wie 27 Millionen Autos von der Straße zu nehmen, also alle Autos in Großbritannien! This is what I call „Einsparpotential“, CDU!
  • Wer weniger arbeitet, hat mehr Zeit für klimagerechtes Verhalten & politisches Engagement. Statt Wochenendtrips mit dem Flieger „zur verdienten Erholung“ gibt es Zeit für gesündere, nachhaltige Aktivitäten, bewusstere Konsumentscheidungen. Mehr für das, was wirklich zählt. Das würde uns gesünder machen. Und weniger einsam. 
  • Zu guter Letzt: Vor allem die Produktionsseite ist auch wichtig! Das Motto sollte sein: Anders nutzen und verteilen statt durch Arbeit immer mehr bauen, produzieren, schlachten, aufrüsten, … 

 

These 3: Die Klimakrise verändert das Arbeiten sowieso

2019 starb ein Saisonarbeiter aus Kroatien bei glühender Hitze auf der Arbeit auf einem Erdbeer- und Spargelfeld in Hessen. Kein Einzelfall. Auch auf dem Bau führen die Extremwetterbedingungen zu gefährlichen Arbeitsbedingungen. Die Branche ist jetzt schon massiv vom Klimawandel betroffen und gleichzeitig einer ihrer größten Treiber. Hier stellt sich die Frage, wer die Kosten der Klimakrise tragen wird. Sind es die Arbeiter*innen, die durch Mehrarbeit den Profitverlust ausgleichen sollen oder kann hier Entlastung für Klimagerechtigkeit sorgen? Klar ist: Hier gibt es plötzlich völlig unverhofftes Potential für Bündnisse im Kampf für Klimagerechtigkeit, wie es in Deutschland das Bündnis „Wirfahrenzusammen“ aus Fridays for Future und ver.di zeigt. Mit „LeipzigStehtZusammen“ habe ich aktuell die Ehre, im Nachfolgeprojekt in Leipzig die oben erwähnten Tarifkämpfe zu unterstützen. 

 

These 4: Erschöpfung politisieren!

 

Das macht mir sehr viel Hoffnung. Denn da gibt es Mehrheiten für ein Thema, ganz unabhängig von Ideologien, Milieus und Einstellungen zu Greta Thunberg. Und echte politische Hebel zur Veränderung durch Streiks. Entlastung durch Arbeitszeitverkürzung ist ein gemeinsames Thema. Alle arbeitenden Menschen würden davon profitieren. Und das Klima auch. Enorm. 

Lasst uns also unsere Erschöpfung an der Arbeit, unsere „Burn-Out“-Gesellschaft, unseren Frust über ungleich verteilte Kinderbetreuung und das „immer zu wenig Zeit haben“ Gefühl politisch denken! Raus aus der Hustle-Culture, hin zum Genug für alle!

 

Gerade, und vor allem, für die Klimagerechtigkeit. 

 

Weniger (arbeiten) ist fair! 

 

 

Weiterlesen: 

https://taz.de/Arbeitszeit-in-Deutschland/!6085829/

https://7yov5.r.sp1-brevo.net/mk/mr/sh/1t6AVsd2XFnIGISmTMiYenZ5p6CBuO/10IFFhvgpUA9

Simon Schaupp: Stoffwechselpolitik. Arbeit, Natur und die Zukunft des Planeten. https://www.suhrkamp.de/buch/simon-schaupp-stoffwechselpolitik-t-9783518029862

https://www.verdi.de/oeffentliche-private-dienste/mein-arbeitsplatz/busse-und-bahnen/tarifrunde-tv-n-2026

https://tabeaschreibt.wordpress.com/2025/11/15/nein/

 

Schluss mit der Man-müsste-mal-GesellschafT

Schluss mit der Man-müsste-mal-GesellschafT

 

Schluss mit der Man-müsste-mal-Gesellschaft

von Roland Vossebrecker

Seit geraumer Zeit fühle ich mich zunehmend belastet durch Fragen, drängende, bohrende, schlafraubende…

Als ich vor gut vier Jahren mit ein paar Freundinnen und Freunden begann, die Initiative KlimaGerecht Leben zu gründen, als eine Gruppe Menschen, die im „Vertrag mit Dir selbst“ die Bereitschaft erklären, individuell, gesellschaftlich und politisch Verantwortung für das große Ziel der Klimagerechtigkeit zu übernehmen, da ging es mir auch darum, endlich meinen persönlichen man-müsste-mal-Modus zu überwinden.

In unzähligen Gesprächen und Diskussionen mit Freund*innen und Bekannten lief es doch immer wieder auf das Gleiche hinaus: Man – wahlweise die Regierung, die Konzerne, die Gesellschaft, die Parteien oder schlicht die Leute – müssten dieses oder jenes tun oder lassen, um die Klimakrise zu entschärfen. Und dabei sind es so gut wie immer die anderen, die was tun müssten! Ich ging mir damit irgendwann selbst unfassbar auf die Nerven.

Und so hat es gut getan, die IKGL zu gründen, durchzustarten mit dieser kleinen, aber energischen und klugen Gruppe Gleichgesinnter. Ich glaube, wir dürfen heute sagen, dass wir etwas bewegt haben.

Und doch, sie sind wieder da, die

Fragen, drängende, bohrende, schlafraubende…

Seitdem hat sich viel bewegt in der Welt, und wenig davon zum Guten. Zwei der drängendsten Probleme unserer Zeit, die Klimakatastrophe und der globale Rechtsruck (und damit die Krise der Demokratie) haben jeweils in ihren Hochzeiten Hunderttausende auf die Straßen gebracht. Am 20. September 2019 demonstrierten deutschlandweit etwa 1,4 Millionen Menschen für mehr Klimaschutz, Anfang 2024 trieb es unzählige Menschen gegen die AfD und für die Demokratie in die Demos.

Das überwältigende gemeinschaftliche Hochgefühl jener Tage scheint verpufft zu sein. Das Klimathema hat (für die Leute, nicht für die Physik!) scheinbar völlig an Bedeutung verloren und die AfD ist laut Umfragen stärker denn je. Mit etwas Pech wird sie in diesem Jahr erstmalig einen Ministerpräsidenten (bewusst nicht gegendert!) stellen können.
So stellt sich die Frage, ob unsere Form des gesellschaftlichen Engagements und Aktivismus überhaupt noch zeitgemäß ist. Und vor allem: Welche Alternativen haben wir? Wie können, wie sollten wir Widerstand leisten? Sind wir widerständig genug?

Fragen, drängende, bohrende, schlafraubende…

Während die Krisen-Szenarien immer bedrohlicher werden, scheint unsere Gesellschaft erschöpft, gleichgültig vor Müdigkeit. Die Auslagen in den Politikregalen der Buchläden sind voll von Handlungsempfehlungen wie „Das Buch gegen Nazis: Rechtsextremismus – was man wissen muss und wie man sich wehren kann“. Man findet auch Titel wie „Welt retten! Was jede*r dafür tun kann“ oder „Wie genau die Welt retten?“ oder sogar „#klimaretten: Jetzt Politik und Leben ändern“. Nur, warum macht das niemand? Sind wir nicht alle schon wieder rückfällig im man-müsste-mal angekommen?

Jeden Morgen beim Blick in die Nachrichten fragt man sich, worüber man sich denn heute empören sollte – und dafür gibt es viele, allzu viele traurige Anlässe. Doch meist bleibt’s beim Empören und man denkt sich heimlich, man… Ihr wisst schon.

Fragen, drängende, bohrende, schlafraubende…

Sind wir also bereit, wenn es wirklich drauf ankommt? Und ist nicht schon diese Frage falsch gestellt, weil es längst drauf ankommt?

Wo werden wir sein, wenn sie kommen, um unsere Nachbar*innen zu deportieren, nach Syrien, nach Afghanistan, wie es die – nein, nicht die AfD, wie es die CSU nun fordert?

Wo wird sie sein, unsere vielbeschworene Solidarität, wenn es hart auf hart kommt in der Klimakatastrophe?

Fragen, drängende, bohrende, schlafraubende…

Und wo stehe ich? Genüge ich noch meinen eigenen Ansprüchen? Ist mein Aktivismus noch angemessen, wird er den Herausforderungen gerecht? 

Ich bin erschöpft, nicht gleichgültig, aber doch müde, sehr müde.

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So weit, so depri. Aber dann kam unser Offener Klimatalk am 24. Februar. Wir gaben ihm das Motto Raus aus dem „Man-müsste-mal-Modus“, ein gewagtes, aber voll geglücktes Experiment!

*** Dringend zur Nachahmung empfohlen ***

Erfreuliche 18 Menschen kamen, darunter zwei 17-jährige Schülerinnen, die darauf brennen, aktiv zu werden, sich zu engagieren, etwas zu bewegen. Aus einem Bündel guter Ideen haben wir vier soziale, suffiziente Projekte herausgearbeitet, die in nächster Zeit umgesetzt werden sollen. Für alle vier gibt es bereits Vorbilder aus anderen Städten, von denen wir lernen dürfen.

  1. Das „Du hast Hunger? Dein Essen ist schon bezahlt“-Projekt. Noch fehlt uns ein griffiger Titel, aber die Idee ist so einfach wie effektiv. Viele Menschen können sich oft ihr Essen kaum leisten. Vielen anderen aber würde es nicht wehtun, ein paar Euro weniger in der Tasche zu haben. Sie sollen die Möglichkeit bekommen, den bedürftigen Menschen ein Essen zu spendieren. 

Wir versuchen, mit Bäckereien zu starten – „Dein Kaffee/deine Brötchen/dein Brot sind schon bezahlt“. Wenn wir erfolgreich sind, dann möchten wir das Konzept auf Cafés und Restaurants ausweiten.

  1. Man muss nicht für alles Geld bekommen, man kann Nützliches auch einfach verschenken. Die Idee eines Verschenk- oder Umsonst-Ladens wollen wir mit einem Stand beim Tag der Offenen Gesellschaft am 20. Juni erstmalig realisieren.
  2. Wir erarbeiten eine Datenbank für „Gute Orte Bergisch Gladbach“. Darin werden Bioläden, Begegnungsorte, Tauschbörsen, Orte für Jugendliche, Repair-Cafés, Second-hand-Shops, Unverpacktläden u. v. a. m. aufgeführt. Es gibt bereits viel mehr gute Orte, als den meisten bekannt ist.
  3. Ein großes ehrgeiziges Ziel für die Zukunft ist ein demokratischer Begegnungsort für Alle nach dem Vorbild „Wohnzimmer der Gesellschaft 

Dort könnten ein Verschenk-Laden, eine Bücherei der Dinge, eine Küfa (Küche für alle), ein Spieletreff, ein Begegnungsraum und vieles mehr ihren Platz haben. Klar ist, dass wir das nicht allein werden stemmen können. Aber die Idee ist so reizvoll, so vielversprechend, dass sich das gemeinsame Brainstormen auf jeden Fall lohnen wird.

Und wenn auch nur ein oder zwei Projekte davon Wirklichkeit werden, dann hat es sich schon gelohnt! Wenn man’s nicht probiert, dann ist man schon gescheitert! Wir bleiben dran. Beim nächsten Klimatalk werden wir die Ideen weiterentwickeln.

 

Nachtrag:

Nichts ärgert die AfD mehr, als gelingende soziale Projekte! Ihr Kapital ist Unzufriedenheit, Egoismus und billige Empörung. Wir halten dagegen mit Mitmenschlichkeit und Solidarität.