Gut sein

Gut sein

 

Gut sein

von Roland Vossebrecker

„Suffizienz ist viel mehr als nur weniger“

Dieses geflügelte Wort der Suffizienz-Bewegung will darauf verweisen, dass über den individuellen Verzicht hinaus eine suffiziente Lebensweise einen Gewinn an Lebensqualität und eine gesündere, friedlichere und gerechtere Gesellschaft verspricht. Das Leben im Genug ist also kein Opfergang in ein darbendes trostloses Dasein, sondern im Gegenteil ein erfüllendes und zufriedenes. Die Benefits des genügsamen Lebens aufzuzeigen, ist das A und O einer erfolgreichen Suffizienz-Kommunikation.

„Suffizienz kann Baustein eines gelingenden Lebens sein“ 

Dennoch ist es offensichtlich herausfordernd, die Vorteile einer Gesellschaftsutopie zu vermitteln, die die planetaren Grenzen schont und Ausbeutung von Natur und Mitmenschen vermeidet. Denn dieses Narrativ steht gegen unsere Alltagserfahrung, gegen die gängigen Erzählungen von Wachstum (jeden Tag in den Nachrichten, niemals hinterfragt), von Karriere, von Erfolg („mein Auto, mein Haus, meine Jacht“). Die kurzfristigen Glücksbringer des Konsums müssten eingetauscht werden durch in gefühlt ferner Zukunft liegende neue Qualitäten.

Daher gilt die Faustregel, dass das böse Wort ‚Verzicht‘ unbedingt vermieden werden muss. Unausgesprochen wird nämlich vorausgesetzt, dass wir Menschen im tiefen Grunde unserer Herzen alle Egoist*innen seien. 

Aber stimmt das?

Sind wir nicht eigentlich mehrheitlich in der Lage, Regeln des fairen Zusammenlebens einzuhalten? Die allermeisten Menschen ‚verzichten‘ schließlich darauf, zu morden, zu stehlen, zu betrügen, und dies nicht primär aus Angst vor der Strafe, sondern weil gesellschaftliche Normen des sozialen Zusammenlebens verinnerlicht wurden. Es gehört sich einfach nicht, und das reicht schon, um es nicht zu tun.

Somit stellt sich mir die Frage, ob mit dem erweiterten Horizont eines globalen Blicks auf die Kollateralschäden unseres Lebensstils nicht auch das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden angesprochen werden kann.

Zweifellos ist es die Aufgabe der Politik, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass ein gerecht genügsames Lebens überhaupt ermöglicht wird. Doch dafür braucht es jene, die nicht auf den Tag X warten, an dem die Politiker*innen endlich ihre Hausaufgaben gemacht haben, sondern schon mal vorangehen, die suffiziente Strukturen bereits heute aufbauen, erproben und praktizieren.

(…) eine große Transformation (wird nur gelingen), wenn veränderte Narrative, Leitbilder oder Metaerzählungen die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft neu beschreiben und sogenannte Pionier*innen des Wandels, also Einzelpersonen, Gruppen oder Organisationen, die Transformation (…) ‚von unten’ durch Innovationen und nachhaltige Praktiken anstoßen.“ 

Doch oft erlebt man in Diskussionen einen ausgesprochen starken Widerstand gegen individuelle Verhaltensänderungen. Schließlich müsse sich das System ändern. Zweifellos richtig, nur: Wie macht man das, das System ändern? Sind nicht wir (!) das System, oder zumindest doch ein entscheidender Teil davon? Oder anders gefragt: Wie kann man wirkmächtiger das System ändern, als bei sich selbst zu beginnen und damit andere zu inspirieren?

Interessanterweise kommt dieser Widerstand gegen das Individuelle gar nicht so selten von Menschen, die aus voller Überzeugung Veganer*innen sind. Dabei ist doch die persönliche Entscheidung, vegan zu leben geradezu der Inbegriff von individueller Verantwortungsübernahme. Veganismus ist (meist) die ethisch gut begründete und deshalb respektable Lebensentscheidung, nicht mehr an einem massiven Unrecht, dem Ausbeuten, Quälen und Töten von Tieren, teilzuhaben. Für sich gesehen ändert sie das System noch nicht – aber sie unterwandert es: Je mehr Menschen sich dem Veganismus anschließen, desto weniger kann die Tierausbeutungsindustrie Gewinne mit unserem Geld machen! So einfach ist das. Warum sollte das nicht auch für andere Arten der Konsumverweigerung gelten?

Die sogenannten Carbon Majors, eine Handvoll Konzerne, 36 an der Zahl, sind verantwortlich für mehr als die Hälfte der globalen CO2-Emissionen. Big Oil investierte 2024 (im heißesten Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen) über 1,1 Billionen Dollar in fossile Brennstoffe. Nicht zufällig sind diese Weltzerstörer aufs engste verbandelt mit Big Tech in der Hand einiger weniger rechtsextremer und antidemokratischer Multimilliadäre. Ihr Geschäftsmodell ist es, uns zu erzählen, wir müssten genauso egoistisch sein wie sie, wir müssten konkurrieren um Anerkennung, Status, materiellem Besitz und Macht. Sie sind deshalb so unerträglich erfolgreich, weil wir ihr Spiel mitspielen. Diese Leute haben genau so viel Macht über uns, wie wir ihnen geben. Wenn wir ihnen erlauben, uns selbst nur als Konsument*innen, also als ausbeutende und auszubeutende Masse zu erleben, dann sind wir ihnen schutzlos ausgeliefert. Dann geben wir unsere Autonomie auf, glauben nur, frei zu handeln, sind aber in Wahrheit Getriebene einer Konsumsucht, die uns von außen eingepflanzt wird. 

„Unterm Strich zähl ich“, der grässliche Werbeslogan der Postbank bringt es auf den Punkt – Egoismus als Kernbotschaft, der Mensch als ein asozialer Homo Oeconomicus, „there is no such thing as society“ (Margaret Thatcher 1987), das Leben als andauernder sozialdarwinistischer Konkurrenzkampf. 

Aber das ist alles falsch!

Wir Menschen können unter günstigeren Umständen sehr wohl freundliche, emphatische, soziale, sogar liebenswerte Wesen sein. Altruismus und soziales Miteinander ist unser evolutionäres Erfolgsrezept.

Wird die positive Seite in unserem Menschsein allein deswegen viel zu selten angesprochen, weil „gut sein wollen“ zu kitschig klingt? Oder weil das Bemühen um ethisch korrektes Handeln mal leichtfertig, mal boshaft als naives Gutmenschentum verunglimpft wird? Die Motivation, sich grundsätzlich nicht mehr an Ausbeutung zu beteiligen, sich nicht mehr durch „Männer, die die Welt verbrennen“ missbrauchen zu lassen, keinen Anteil am Unrecht mehr haben zu wollen, hat dieser Gedanke nicht – Schönheit?

Weniger ist fair

Das Konzept der Suffizienz ist daher auch ein Angebot für all jene, die schlicht gute Menschen sein wollen – und das sind die meisten! Es ist eine Einladung an alle, die verantwortungsvoll leben und nicht mehr nicht länger Handlanger der Zerstörung sein wollen.

Weniger (Konsum, Verschwendung, Ausbeutung von Natur und Mitmenschen) für den wohlhabenden Teil unserer Gesellschaft (!) ist nämlich wirklich fair gegenüber jenen, die NICHT genug haben. Wir sollten nicht mehr verbrauchen, als uns zusteht und nichts besitzen, was uns nicht gehör                                                                                                                                                                                                   t.

Also:  Unseren Wertekompass überdenken, unsre erstaunliche Empathie-Fähigkeit wirken lassen und den Mut haben, Wohlstand jenseits von materiellem Besitz neu zu denken.