Weniger ist Fair

Weniger ist Fair

Weniger ist Fair

von Tabea Schünemann

Man könnte das auch umdrehen: Immer mehr ist gar nicht fair!

Immer mehr ist aber die Grundlage unseres Wirtschaftssystems. 

Die physikalische Wahrheit ist: Das ist nicht zukunftsfähig. Und auch gegenwärtig schon ungerecht. Unsere Wirtschaft macht die Reichen reicher, die Armen ärmer. Das Einzige, was zuverlässig wächst, ist der Spalt in der Gesellschaft. 

Und: Unser Planet hat Grenzen und wir haben die meisten schon überschritten. 

Das ist nicht blöd fürs Klima, das ist brandgefährlich für uns! Schreibe ich bei 36 Grad. Und es wird noch heißer. Und wir deshalb nie wieder leiser! 

 

Oft drehen sich Diskussionen um das böse Wort Verzicht. 

Ich frag mich dann: Leben wir denn schon wirklich in der besten aller möglichen Welten? 

Anders gefragt: Worauf verzichten wir aktuell?

Ich schreibe diese Zeilen in einem gottlos verspäteten, viel zu teuren Zug. Wir verzichten also gerade auf die Möglichkeit, so von A nach B zu kommen, dass

  1. Es stressfreie und bezahlbare Alternativen zum Auto gibt
  2. Alle daran teilhaben können
  3. Kinder in der Stadt frei spielen können 
  4. Wir sicher in der Stadt unterwegs sind 

Dann fahre ich nachhause, in mein Dachgeschoss-WG-Zimmer. Immerhin habe ich ein Zimmer, auch wenn die Hitze sich darin staut wie die Zettel auf meinem Schreibtisch. Das geht nicht allen so. Das mit dem bezahlbaren Wohnraum. 

Wir verzichten also darauf, so zu wohnen, dass

  1. für alle genug Platz ist
  2. es für alle bezahlbar ist 
  3. wir darin vor Hitze und Kälte geschützt sind 

 

Jetzt noch schnell einkaufen, uff, auch das ist meistens weder gut noch günstig.

Wir verzichten also darauf, uns so zu ernähren, dass

  1. gesunde Ernährung für alle möglich ist
  2. es gesund für uns und den Planeten ist
  3. wir es wertschätzen und nicht Geld in die Tonne werfen in Form von verschimmeltem Brot
  4. wir die Herstellung fair bezahlen 

All diese Probleme könnten auch durch eine Umstrukturierung der Arbeit gelöst werden. Denn mit einem bedingungslosen Grundeinkommen oder zumindest fairen Löhnen für wirklich sinnvolle Arbeit, könnten wir die Arbeitszeit verkürzen und hätten mehr Zeit, um uns zu kümmern:
um uns, unsere Liebsten und unsere Umwelt. 

Wir verzichten auf Qualität! Auf das, was uns wirklich wichtig ist. 

Wir haben zu wenig von: Zeit, Gesundheit, Zufriedenheit, einer sicheren Zukunft und einem guten Gewissen den Marginalisierten der Gegenwart gegenüber. 

So viele Menschen verzichten auf das Mindeste, damit wir „uns mal was gönnen können“. Es sind nur 11% der Menschen weltweit, die überhaupt fliegen. Woher nehmen wir dieses Recht? Aus unserer Hautfarbe oder unserer Nationalität? Bei dem Gedanken wird mir schlecht. 

Die Antwort ist:
Weniger von dem Quatschkonsum, mehr Grenzen für die größten Zerstörer, mehr von dem Guten! 

Auf den Weg dahin müssen wir uns natürlich gemeinsam einigen. Ich will ja gerade nicht, dass ein paar Wenige alles bestimmen. 

Und: unser brennender Planet seufzt, ächzt und schreit:
Wie wollt ihr eigentlich leben?
Oder nein: Wollt ihr eigentlich leben? 

36°

36°

36 GRAD

von Tabea Schünemann

36 Grad und es wird noch heißer

Und wir deshalb nie wieder leiser

Denn das Ganze ist, ums runterzubrechen 

Ein vermeidbares Menschheitsverbrechen 

 

Es sind einige wenige, und das Muster erkenn ich 

Denn ja, sie sind meistens weiß, reich, alt und männlich 

Die für ihren eignen verdammten Gewinn 

Alles zerstören und wir nehmens hin 

 

weil sie gut darin sind und sich verbandeln 

den Ruf von alle dem zu verschandeln, 

was wichtig ist für unser Leben 

und ja, so viel Gutes könnte es geben!

 

In diesem Leben in Freiheit und Frieden 

In Sicherheit und gleich-und-verschieden 

 

Und wieder und wieder werden wirs sagen

Und wieder und wieder werden wir klagen

Und wieder und wieder werden wirs zeigen

Und wieder und wieder aufhörn zu schweigen 

 

Denn das Gute ist, wer hätte´s gedacht: 

Auch unser System ist menschengemacht 

Waste Side Story und andere Geschichten

Waste Side Story und andere Geschichten

Waste Side Story und andere Geschichten

von Tabea Schünemann

Sechs Kilometer entfernt von Cluj-Napoca, der zweitgrößten Stadt Rumäniens, liegt Pata Rât, eine große Mülldeponie. Hier leben inzwischen in vier informellen Siedlungen ca. 1500 Menschen der Roma-Community zu unmenschlichen Bedingungen. Luft und Wasser sind von Müll und Chemikalien verschmutzt, was zu hohen gesundheitlichen Gefährdungen der Menschen führt. Abgeschnitten vom Rest der Welt, ohne Zugang zur Bildung oder Infrastruktur. Im Jahr 2010 wurden 270 Rom*nja aus Cluj dorthin zwangsumgesiedelt als „Sozialwohnungs-Projekt“ für die Errichtung anderer städtischer Gebäude, u.a. für den Tourismus (!). Sie leben in prekären Situationen, ihre Jobs in der Stadt gibt´s nicht mehr. Eine Frau erinnert sich an diesen schrecklichen Morgen: 

 

“We were overwhelmed and terrified by the number of police officers. Following pressure and verbal threats from the local authorities, we accepted the housing they proposed without knowing the exact location and the condition it was in.”

 

Diese Geschichte von Gewalt und Klimarassismus, die nicht die einzige aus Rumänien und Europa ist, wird erzählt in der modernen Oper “Waste Side Story“ in Cluj. Eindrücklich schildert sie die Situation der Menschen, die sich bis heute trotz Urteilen und Versprechungen des Landes nicht wirklich geändert hat. 

 

Warum erzähle ich das hier?

 

Zum einen bin ich selbst sehr bewegt von der Opernaufführung und dem Potential von Kunst, Perspektiven aufzuzeigen und auf Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. 

 

Zum anderen macht es deutlich:

 

Klimaungerechtigkeit ist ein Phänomen der Gegenwart. 

 

Klimaungerechtigkeit heißt: Die Menschen, die am wenigstens dazu beitragen, leiden am meisten unter den Folgen von Klimakrise und Umweltverschmutzung. 

 

Sie passiert hier und heute. Jeden Tag. Auch in Europa. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. „Was – hier bei uns?“ Ja, „hier bei uns“. Unsere Gesellschaften sind rassistisch strukturiert und so sind marginalisierte Gruppen am meisten von der Klimakrise betroffen. Schon jetzt. In diesem Fall konkret gesundheitlich und sozial von Umweltverschmutzung. Das ist Klimarassismus. Nach der Definition des „European Environmental Bureau“ erfüllt es drei Kriterien dessen: Die Menschen sind abgeschnitten von der Stadt und grundlegenden Leistungen, in Gefahr gebracht durch das Leben in dieser giftigen Umgebung, und abgesondert durch die Zwangsumsiedlung für städtische Bauprojekte. 

 

Ich möchte hier also dazu anregen, darüber nachzudenken, wofür oder besser für wen wir unser Leben an der Klimagerechtigkeit ausrichten. 

Es geht darum, hinzusehen, wo Menschen jetzt schon auf alles verzichten müssen, weil unsere Strukturen ungerecht und rassistisch sind. Wo marginalisierte Menschen jetzt schon unter der Klimakrise leiden. Rom*nja überall in Europa sind ein Beispiel; Hitzetode bei älteren Menschen ein anderes, oder ich denke auch an die Menschen mit Behinderung, die wegen fehlender Schutzkonzepte in der Ahrtalkatastrophe nicht rechtzeitig evakuiert werden konnten. 

 

Wenn wir menschlich sein wollen, sind diese Geschichten und Gesichter nicht schon Grund genug, uns für Klimagerechtigkeit einzusetzen?

 

Wenn uns das alles egal ist, haben die rechten Kräfte schon jetzt gewonnen. 

 

 

 

Mehr Infos: 

 

https://crd.org/wp-content/uploads/2023/04/UnnaturalDisaster-report2023.pdf

https://ejatlas.org/conflict/pata-rat-landfill-cluj-napoca-romania

https://meta.eeb.org/2024/01/15/insights-from-the-first-ever-roma-environmental-justice-conference/

„Wäre einiges anders gelaufen in meinem Leben, wäre ich Trump-Wähler“ 

„Wäre einiges anders gelaufen in meinem Leben, wäre ich Trump-Wähler“ 

„Wäre einiges anders gelaufen in meinem Leben, wäre ich Trump-Wähler“ 

– wider eine linke Arroganz

von Tabea Schünemann

„Es gibt eine Sache, die ich nie vergessen möchte“, sagte mal ein Amerikaner zu mir, der demokratischer, linker, liberaler, nicht hätte sein können: „wäre einiges anders gelaufen in meinem Leben, wäre ich Trump-Wähler.“ 

 

Wow. Das Wort dafür ist: Demut.

Die Demut, zu wissen, dass alles auch anders hätte sein können, je nach Geburtsort, Familie, Kontext, Umfeld, … Natürlich hat jeder Mensch eine Verantwortung und es gibt keine Entschuldigung dafür, Trump oder die AfD oder sonst wen Menschenverachtendes zu wählen! Klar!

 

Aber, ich bin nicht die Einzige, die eins immer wieder nervt: Linke Arroganz.

Damit meine ich all diejenigen, mich eingeschlossen, die vergessen, dass auch sie nicht als Aktivisti geboren wurden. Dass einige, mich eingeschlossen, einen langen Weg dahin gegangen sind bis zu den Werten, die sie heute vertreten. Dass es das Beste, aber nicht selbstverständlich ist, links zu sein, was auch immer das bedeutet. Und dass es vielleicht eher um linkes Tun als linkes Sein gehen müsste.

 

Da ist eine Spannung: Meine politische Haltung, mein Klimabewusstsein, von dem ich einerseits möchte, dass alle es teilen und sich die Welt in die richtige Richtung verändert. Und andererseits es aushalten zu müssen, dass nicht alle so denken und die Frage, ob das überhaupt das Ziel ist. Ob es nicht mittlerweile so sehr zu meiner Identität geworden ist, ein klimabewusster Mensch zu sein, dass ich davon wieder etwas aufgeben müsste, sollte es wirklich für alle gelten.

 

Zugehörigkeit ist wichtig, auch und gerade beim Aktivismus. Ich möchte auch auf der richtigen Seite sein und zu den Guten gehören.

Aber manchmal führt das Wiederum zum Ausschluss, zum Sich-abgrenzen und zu innerlinken Grabenkämpfen, die einem geschlossenen Kampf gegen rechts nun wirklich nicht dienen.

 

Es kann nicht nur um Selbstvergewisserung gehen!

 

Nicht zu verwechseln mit safe spaces, die soo wichtig sind. Es müssen nicht alle immer alle Gespräche führen. Deswegen sind Unbetroffene auch so sehr in die Pflicht genommen. Aber wenn mich dann ein Typ unterbricht, um mir Feminismus zu erklären, kann es doch auch nicht das Wahre sein.

 

Jetzt ist die Zeit für alle progressiven, linken Menschen, sich gegenseitig durchzutragen, auch mal zusammen traurig zu sein über die Kluft zwischen Ideal und Realität und dann loszulegen und linke Politik für Nicht-linke zu machen. 

Wald

Wald

Wald

von Tabea Schünemann

Jeden Tag sehe ich ein Stück Wald. Wie die Sonnenstrahlen sich ihren Weg durch die Kronen bahnen und auf saftiges Moos am Boden treffen. Wie Nebelschwaden durch junge grüne Zweige ziehen. 

Jeden Tag sehe ich denselben Wald. 

Es ist der Wald, den mein MacBook mir als Desktop-Hintergrund vorgeschlagen hat, als Abwechslung zu einer Berglandschaft, hinter der ab einer gewissen Uhrzeit sich sogar das Licht automatisch ändert. 

Künstlich erzeugte Natur. 

Vielleicht Ausdruck einer Sehnsucht, das sich hinter all den Word-Dokumenten und Netflixserien doch noch etwas birgt, das daran erinnert, dass wir auf einer Erde leben. 

Nicht, weil Word-Dokumente und Netflixserien weniger real wären. 

Ich bin auch wirklich nicht Typ Bäume-Umarmen und Kräutersammeln. 

Aber ich finde es schon erschreckend, dass ich nicht alles erkenne, was meine Mitbewohnerin gerade an regionalem Wintergemüse aus der solidarischen Landwirtschaft mitbringt. Was um alles in der Welt kocht man mit Pastinaken???

 

Und dann stehe ich hier, vor mir ein Wald aus toten Bäumen im Umland von Leipzig. Hier wird der Weg plötzlich abschüssig, dort, wo damals die Kante zum Kohletagebau war, inzwischen wieder aufgeschüttet und aufgeforstet, aber erfolglos. Malerische Seen mit Ferienhäusern und Segelbooten sind nun dort, wo sich einmal die Krater der Kohle bis an den Stadtrand erstreckten. Ein Briefkasten in der Mitte des Sees erinnert an die Dörfer, die hier weggebaggert wurden. Von hier kann man Briefe mit Stempeln aus jenen Dörfern abschicken.  

Erschöpft sieht sie aus, die Natur, im Sinne des Wortes. Alles ausgeschöpft, alles aus der Erde geholt und verbrannt – für immer. Die Wunden sind nicht zu kaschieren, auch die gesundheitlichen Schäden für die Menschen in der Nachbarschaft der Zerstörung nicht oder die Trauer über den Verlust von Heimat.

Es braucht gar nicht viele Worte, nur diese Begegnung mit diesem sichtbar ausgebeuteten Stück Land und plötzlich empfinde ich so etwas wie Mitgefühl. Fast kann ich das hören, was die Bibel das “Seufzen der Erde” nennt. Psycholog*innen sprechen von “Solastalgie”, die Trauer im Angesicht der Zerstörung unserer Erde. Trauer um den Verlust unserer Heimat.

Ja, ich bin traurig. Aber fühle mich auch plötzlich verbunden mit der Natur, ganz unromantisch.
Viel mehr als durch meinen Desktophintergrund. 

Sind wir noch zu retten?

Sind wir noch zu retten?

Sind wir noch zu retten?

von Roland Vossebrecker

„Der Kampf um politische Deutungsmacht muss wieder aufgenommen werden – als Kampf um eine bessere Welt. (…) Widerstand gegen den Autoritarismus muss die Form des aktiven Herbeiführens einer besseren Zukunft annehmen.“

Daniel Binswanger

 

Ich schreibe diesen Artikel aus der tiefsten Überzeugung heraus, dass Klimagerechtigkeit nur demokratisch zu erreichen ist, dass aber gleichzeitig die Einhaltung planetarer Grenzen, die hinreichende Stabilisierung des Klimas, der Stopp des Artensterbens, kurz: der Erhalt der menschlichen Lebensgrundlagen die Voraussetzungen einer funktionierenden Demokratie sind.

Wenn es nun schlecht steht ums Klima und um die Demokratie stellt sich mir die Frage:

Sind wir noch zu retten?

„Mehr für Dich – besser für Deutschland“

„Mehr Wachstum“

„Fleiß muss man wieder im Geldbeutel spüren“

Diese Slogans aus den vergangenen Wahlkämpfen stehen symptomatisch für einen kapitalen Fehler, den alle Parteien leider ohne Ausnahme immer wieder machen: Ein Wohlstandsversprechen, das über kurz oder gar nicht mehr lang nicht einzuhalten sein wird.

Eine Studie des Institute for Climate Risk and Response der Universität von New South Wales, Australien, zeigt, dass selbst bei der äußerst optimistischen Annahme des Einhaltens der 2°-Grad-Grenze mit weltweiten BIP-Verlusten von 16 % zu rechnen ist. Das klingt erst einmal technisch abstrakt, bedeutet aber massive Wohlstandsverluste, zusammenbrechende Lieferketten, Hungersnöte und absehbar Kriege um Ressourcen. Wenn dies offensichtlich wird, wenn die Versprechen ewigen Wohlstandes wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen und wenn dann die demokratischen Parteien mit leeren Händen dastehen – dann ist die große Stunde der Rechtsextremen gekommen.

 

In den 90er-Jahren schienen liberale Demokratie und freie Marktwirtschaft alternativlose Erfolgsmodelle zu sein. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks, dem Ende des Kalten Krieges, dem Sieg des Kapitalismus über die sowjet-kommunistische Planwirtschaft glaubte man sich am Beginn eines rosigen Zeitalters, Stichwort „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama). Im naiven Glauben, dass von nun an die Dinge von allein immer besser würden, überließ man Fortschritt dem Markt, statt ihn politisch aktiv zu gestalten. 

Die optimistischen Zeiten sind vorbei, jahrzehntealte Gewissheiten zerfallen.

Heute befinden wir uns in einer geopolitischen Situation, in der die USA unter Trump/Musk eher ein Feind als ein Verbündeter sind, in der Russland kalte und heiße Kriege anzettelt und China mit einem autoritär-kapitalistischen Modell die wirtschaftliche Weltvorherrschaft erkämpft. Währenddessen scheitern Demokratien weltweit, rechte und rechtsextreme Kräfte gewinnen an Macht und faschistoide „Heilsbringer“ à la Trump, Erdogan, Orban, Milei etc. sind auf dem Vormarsch. Es passt ins Bild und ist brandgefährlich, dass diese Autokraten nichts von Klimaschutz halten und diesen mit Lügen torpedieren. Besonders unheilvoll ist das Bündnis von extremen Wirtschaftsliberalismus und Staatsabbau zugunsten weniger Tech-Milliardäre mit rechtsextremen Ideologien.

Gleichzeitig eskalieren Klima- und Umweltkatastrophen: Der Kapitalismus scheitert an sich selbst. Der Überkonsum westlicher Wohlstandsstaaten ist dabei, die Welt in den Kollaps zu führen. Selbst BND und Bundeswehr betonen mittlerweile die Gefahren für unsere Sicherheit durch den Klimawandel: „Wer Sicherheit denkt, muss Klima mitdenken. Wir leben bereits in der Klimakrise.“

Die Leidtragenden sind besonders jene Menschen in ärmeren Ländern des globalen Südens, die nicht oder kaum zu den Umwelt- und Klimakrisen beigetragen haben. Dadurch, dass man die Kollateralschäden des scheinbar so erfolgreichen kapitalistischen Konsum-Systems bewusst in Kauf nimmt, oder zumindest die Augen davor verschließt, wird das „westliche“ Demokratie-Modell für den Globalen Süden immer unglaubwürdiger und unattraktiver. „Freiheit“, „Menschenrechte“, „westliche Werte“ sind inmitten der giftigen Wohlstands-Müllberge am Strand von Ghana eher hohl klingende Begriffe.

 

Wie kann sich Demokratie weltweit unter diesen Verhältnissen noch behaupten? Wie muss sie sich neu aufstellen, um überleben zu können?

Ein „Weiter so“ mit geringfügig anderen Mitteln – seien es E-Autos, Windräder oder Sondervermögen, so sinnvoll sie im Einzelnen auch sein mögen – kann keine Lösung für die globalen Probleme darstellen. Es braucht den Mut zu einem radikal grundsätzlichen Wandel, bei dem einige Bedingungen erfüllt werden müssen:

Sagt die Wahrheit

Es ist Zeit für radikale Ehrlichkeit über die bevorstehenden Krisen und Katastrophen, über das Überschreiten planetarer Grenzen, über die Verantwortlichkeiten westlicher Konsumdemokratien, über Globale Ungerechtigkeiten und über den zu erwartenden Wohlstandsverlust: Wohlstandsversprechen sind eine Lüge, eine gefährliche!

Ehrlichkeit aber nicht nur über das, was zu verlieren, sondern bitte auch, was zu gewinnen ist: Gesunde Umwelt, Gerechtigkeit, Zukunft…

Angst vor der Transformation überwinden

Viele Menschen machen sich größte Sorgen um die Wirtschaft, das Wachstum, die Arbeitsplätze, sollte es zu einer grundlegenden Transformation unseres Lebens kommen. „Was wird denn aus den Arbeitsplätzen, wenn alle auf einmal aufhören zu shoppen?“ Keine Sorge, nichts geschieht auf einmal, manches allerdings sehr schnell: Das Internet, das Smartphone, neuerdings KI haben das Leben und das Wirtschaften des gesamten Planeten grundlegend verändert. Die Dinge passieren einfach, mit allen Risiken und Nebenwirkungen, ohne dass wir unseren Arzt oder Apotheker fragen konnten, ohne dass je darüber demokratisch entschieden wurde.

Welche Berechtigung hat also die Furcht vor einer von uns demokratisch gestalteten Transformation zum Besseren, um den ökologischen und demokratischen Kollaps zu verhindern?

Was könnte demokratischer sein, als die Transformation hin zu einem guten Leben für alle zu wagen? 

„Es muss sich alles ändern, damit es bleiben kann, wie es ist.“

Giuseppe Tomasi di Lampedusa

Ein Angebot an den Globalen Süden,

das nur dann ehrlich sein kann, wenn Schluss ist mit Ausbeutung von Mensch, Umwelt und Ressourcen, Schluss mit Externalisierung der Folgen unseres Konsums und Lebensstils, wenn koloniale und neokoloniale Strukturen verantwortlich aufgearbeitet und beendet werden, z. B. durch einen Schuldenerlass und durch Loss and Damage Fonds, die mehr sind als nur ein Feigenblatt. 

„Unsere westlichen Werte“ sind verlogen, solange sie nicht für alle Menschen gelten. Demokratische Werte müssen global gedacht werden, denn nur so kann Demokratie weltweit wieder an Attraktivität gewinnen.

Ein Leben im Genug 

Ein Abrüsten unserer materiellen Anspruchshaltung, also Suffizienz. Wir dürfen nicht mehr verbrauchen, als uns zusteht, und wir dürfen nichts besitzen, was uns nicht gehört.

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) betont, dass Suffizienz als eine Strategie des Genug für eine Stabilisierung der Erde innerhalb planetarer Grenzen unerlässlich und eine Politik der Suffizienz nicht nur möglich, sondern verfassungsrechtlich sogar geboten ist!

Eine konsequente Suffizienzpolitik wäre eine Transformation by Design, not by Desaster. Es würde bedeuten, die notwendige Veränderung unserer Gesellschaft gerecht zu gestalten, anstatt die unausbleiblichen Veränderungen durch die Katastrophen nur zu erleiden.

Und damit komme ich auf die Ausgangs-Frage zurück:

Sind wir noch zu retten?

Ja, sind wir! 

Demokratie lebt von dem Glauben daran, dass es besser werden kann, dass echter gesellschaftlicher Fortschritt (nicht nur technologischer!) hin zu mehr Teilhabe, zu mehr Gerechtigkeit möglich ist.

Wie schön wäre es, wenn man sich erinnerte, dass es die edelste Aufgabe der Politik ist, für Gerechtigkeit zu sorgen?

Wenn man es wagen würde, eine mitreißende, anschlussfähige, begeisternde 

Utopie für ein „Es geht auch anders“

für eine bessere Zukunft zu entwickeln, für ein genügsames und gerechtes Zusammenleben auf diesem Planeten, ein liebevoller Gegenentwurf zu menschenverachtenden und nationalegoistischen Erzählungen, eine Vision einer global gerechten Gesellschaft – dann, aber auch nur dann, besteht Hoffnung!

 Roland Vossebrecker