Die Ungerechtigkeit hinter den CO2-Budgets

Die Ungerechtigkeit hinter den CO2-Budgets

Die Ungerechtigkeit hinter den CO2-Budgets

von Simon Käsbach

Die Ungerechtigkeit hinter den CO2-Budgets

Ihr kennt sicherlich die CO2-Budgets, die angeben, wie viel Kohlenstoffdioxid ein Land noch ausstoßen darf, um eine bestimmte Grenze der Erderwärmung nicht zu überschreiten. Dies scheint ein sinnvoller Ansatz zu sein, doch in diesen Budgets steckt eine große Ungerechtigkeit. 

Die Berechnung des deutschen CO2-Budgets beruht nämlich auf der Annahme, dass alle Menschen in allen Ländern weltweit gleich viele Treibhausgase ausstoßen dürfen. Um eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit auf das 1,5°-Grad-Limit zu haben, dürfte Deutschland demnach noch 3,1 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen. 

Und warum ist das ungerecht? 

Es ist bekanntlich so, dass nicht alle Menschen auf der Welt früher und heute gleich viele Treibhausgase ausgestoßen haben. Die reichen Industriestaaten des Globalen Nordens haben bis heute etwa 92 % der verursachten Emissionen zu verantworten. Der Globale Süden, also Afrika, weite Teile Asiens und Südamerikas, ist insgesamt demnach für nur 8 % verantwortlich. Also verursachen auch die Menschen, die in diesen Teilen der Erde leben, mehr oder weniger Emissionen, je nach ihrem Lebensstil. Ein Mensch in Malawi, eines der ärmsten Länder weltweit, verantwortet im Durchschnitt nur 0,1 Tonnen Treibhausgase im Jahr, ein*e Deutsche*r jedoch durchschnittlich etwa 8 Tonnen. 

Bei CO2-Budgets vorauszusetzen, jeder Mensch dürfe noch gleich viel ausstoßen, ist also nicht nur unfair, sondern im Kern rassistisch und neokolonial. Denn meist sind es eben arme und von Diskriminierung betroffene Menschen, die zwar einen niedrigen CO2-Fußabdruck haben, aber am meisten unter der Klimakrise leiden. 

An diesem Beispiel sieht man klar, dass Rassismus und Neokolonialismus immer noch fest in unseren westlichen Denkstrukturen verankert sind. Es wird in vielen Bereichen der Medien, der Politik, aber auch bei NGOs ganz selbstverständlich mit diesen Budgets gearbeitet und argumentiert. 

Bei einer wirklich fairen CO2-Budget-Berechnung, die historische Verantwortung mit einbezieht, dürften z.B. Deutschland oder die USA im Grunde gar keine Emissionen mehr ausstoßen, sondern müssten sogar negative Emissionen verzeichnen.  

Alle Budget-Rechnungen können nur auf Schätzungen beruhen, da wir das Erdsystem nicht umfassend und gut genug verstehen, um uns darauf zu verlassen. Dennoch wird offensichtlich, dass es nicht sein kann, dass Klimaschutz auf der Grundlage solch ungerechter Budgets gemacht wird. Deutschland zieht sich mit dieser problematischen Berechnung ein Stück mehr aus seiner globalen Verantwortung. Wenn KlimaGerechtigkeit nicht konsequent mitgedacht wird, dann wird selbst Klimaschutz rassistisch und neokolonial. 

Es darf nicht sein, dass Länder des Globalen Nordens die Klimakrise erst verursachen und dann nicht bereit sind, ausreichende und wirklich gerechte Maßnahmen vorzulegen. Zudem muss auch das Recht auf Entwicklung berücksichtigt werden, denn Länder, die bislang wegen Ausbeutung oder anderen Faktoren nicht die Möglichkeit hatten, sich so stark zu entwickeln wie Länder des Globalen Nordens, haben ein Recht darauf, sich nachhaltig und wohlständig zu entwickeln. 

Eigentlich ist es ganz einfach: 

Wer mehr Verantwortung für die Verursachung der Klimakrise trägt, ist jetzt in der Pflicht, mehr Klimaschutz zu betreiben und klimagerechte Maßnahmen vorzulegen.

 

Wir sollten bestimmte CO2 Budgets also immer kritisch hinterfragen. Auf welcher Grundlage wurde das Budget erstellt? Wurde die historische Perspektive berücksichtigt? Liegt ein global gerechter Ansatz zugrunde?

Wir müssen in allen Bereichen kommunizieren, dass das Budget von Deutschland in der jetzigen Form maßlos ungerecht, und unser aktuelles Tempo beim Klimaschutz absolut nicht hinnehmbar ist. Es braucht eine Budgetberechnung, welche auf Grundlage von Gerechtigkeitsaspekten gemacht ist. 

Länder des Globalen Nordens haben die Mittel, weitreichenden Klimaschutz zu betreiben. Dieser Aspekt ist grundlegend für die KlimaGerechtigkeit!
Denn wir im Globalen Norden haben meist auch die Privilegien, uns frei äußern zu können und uns zu engagieren. Also lasst uns diese Privilegien nutzen, um für eine gerechte Welt zu kämpfen!

Die globale Verantwortung muss endlich ernst genommen und eingefordert werden. 

Von uns. 

Simon Käsbach

 

Technologieoffenheit 

Technologieoffenheit 

Technologieoffenheit 

von Roland Vossebrecker

ist ein beliebtes Schlagwort konservativer und (neo)liberaler Politiker*innen, das besagen soll, dass irgendeine zukünftige Technologie es mit der Klimakrise schon richten wird, ohne dass wir dafür unser Verhalten, unser Konsum-Modell, unser Wirtschaftssystem überdenken müssten.

Dass Technologieoffenheit aber auch Grenzen hat oder zumindest haben sollte, kann das folgende Gedankenexperiment verdeutlichen:

Stellen wir uns einmal vor, findige Ingenieur*innen entwickeln eine neue Technologie und bringen sie zur Marktreife. Das neue Produkt wird enthusiastisch gefeiert und beworben: Es verspricht relativ großen Komfort und Bequemlichkeit bei vergleichsweise hoher Geschwindigkeit. 

Ehrlicherweise ist das Produkt nicht ganz billig. Die Anschaffungskosten belaufen sich auf 15.000 € bis 60.000 € oder mehr, je nach Anspruch des/der Kund*innen. Außerdem muss mit jährlichen Betriebs- und Wartungskosten von noch einmal durchschnittlich 1.200 bis 5.000 € gerechnet werden. Nicht zu viel, finden die meisten, denn das Produkt steht vor allem für grenzenlose individuelle Freiheit. 

Im Kleingedruckten muss allerdings auf die Nebenwirkungen verwiesen werden. Deutsche Bundesbürger*innen müssen jährlich 330.000 Stunden sinnlos verlorener Wartezeit mit einkalkulieren. Vor allem aber ist mit Kollateralschäden zu rechnen (dies im ganz klein-gedruckten): Es sei zu erwarten, dass die neue Technologie jährlich ca. 2700 Menschen das Leben kosten wird. Dazu kämen weit mehr als 300.000 Verletzte, enorme Kosten für das Gesundheitssystem und eine miserable Klimabilanz.

Würde eine solche Technologie je erfolgreich sein können? Würde sie trotz allem akzeptiert werden? Wohl kaum! Kein*e Politiker*in könnte den Tod von Tausenden Menschen Jahr für Jahr mit Technologieoffenheit rechtfertigen.

Das Pikante daran: 

Diese Technologie gibt es schon und wir haben uns längst an sie gewöhnt. Man nennt sie – Auto.

Roland Vossebrecker

 

 

GLOBAL SOLIDARISCH

GLOBAL SOLIDARISCH

GLOBAL SOLIDARISCH?

von Roland Vossebrecker

Machen wir uns nichts vor: Die Entwicklung der Klimakrise wird uns einiges abverlangen. Heftige und schmerzhafte Veränderungen kommen auf die Menschheit zu. Die Katastrophe kommt, – wir wissen nur noch nicht, wie schlimm sie wird.

Der notwendige, ja überfällige politisch-gesellschaftliche Umbau wird extrem anspruchsvoll, und es ist mehr als fraglich, ob er (rechtzeitig) gelingen wird. Harte politische Auseinandersetzungen müssen geführt werden und je mehr Rechte und Rechtsextreme den Kampf gegen den Klimaschutz als Kulturkampf inszenieren und die gesellschaftliche Spaltung vorantreiben, desto heftiger werden diese Auseinandersetzungen ausfallen.

Vor allem aber werden die sich häufenden Katastrophen immer neue Herausforderungen darstellen. Hitzewellen (nach einer Studie des Barcelona Institute for Global Healthgab es 2022mehr als 60.000 hitzebedingte Todesfälle in der EU), Dürren und Wassermangel, Stürme und Starkregenereignisse und die aus alledem resultierende Nahrungsmittelknappheit und Verteuerung werden zu einer andauernden Belastungsprobe.

Klimaanpassungen werden immer wichtiger, wobei diese, das sollte uns immer bewusst sein, ein Luxus reicher Länder sind! Arme Länder des Globalen Südens besitzen kaum die finanziellen und strukturellen Ressourcen, um angemessen auf die Katastrophen reagieren zu können, von denen sie immer öfter und schlimmer getroffen werden.

Es stellen sich entscheidende Fragen: Wie weit werden wir in der Lage sein, die Erderhitzung zu begrenzen? Werden wir die Veränderungen nur erleiden, oder werden wir sie gestalten? Vor allem aber: Bleiben wir solidarisch? Oder ehrlicher: Werden wir solidarisch?

Mit der internationalen Solidarität ist es nicht gut bestellt. Zwar wurde bei der COP 27 in Ägypten im letzten Jahr die Einrichtung eines Fonds für besonders betroffene Länder vereinbart, aber es bleibt bislang unklar, wer wieviel einzahlen wird. Versprechungen aus der Vergangenheit wurden regelmäßig nicht erfüllt. Und einer neuen Studie zufolge betragen die Klima-Schulden der reichen Industrienationen bei den ärmeren Ländern 170 Billionen Dollar!

klimareporter

Auf politischer Ebene wehren sich die Industrienationen mit Händen und Füßen, gerechte Verpflichtungen gegenüber dem Globalen Süden einzugehen. Weltweit propagieren Rechte den nationalen Egoismus. Der damit einhergehende Verlust von Menschlichkeit ist verheerend.

Wie wird sich die Situation entwickeln, wenn es bei eskalierender Klimaentwicklung zu Verteilungskämpfen um Wasser und Nahrung kommt, wenn die auftretenden Schäden nicht mehr zu bewältigen sind, wenn Abermillionen Menschen zur Flucht gezwungen sind, weil ihre Heimaten überschwemmt, verwüstet oder lebensfeindlich werden?

Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber fordert seit Jahren einen Klimapass für Klimaflüchtlinge, um Betroffenen eine rechtliche Grundlage für ihren Asylantrag zu geben, aber von einer politischen Umsetzungen sind wir leider noch meilenweit entfernt. Stattdessen wird EU-weit das Asylrecht immer weiter ausgehöhlt. Dabei schreckt man nicht vor milliardenschweren Abkommen mit Diktatoren zurück, die Geflüchtete in der Sahara aussetzen und sie dort ihrem Schicksal überlassen, während aktuell in der CDU bereits die Abschaffung des individuellen Asylrechtes und die Anwendung physischer Gewalt gegen Geflüchtete diskutiert wird. Das sind maximal unsolidarische Entwicklungen, die die Klimakatastrophe als Asylgrund in weite Ferne rückt.

Wir alle, gesellschaftlich, politisch und individuell müssen uns fragen: Entscheiden wir uns für Egoismus oder für Mitgefühl? Am Ende ist dies die Kernfrage, die über die Zukunft der Menschheit entscheiden wird.

 

Zum Konzept unserer Initiative und des „Vertrags mit Dir selbst“ gehört das klimagerechte Spenden, das solidarische Reichtum-Teilen mit den Opfern der Klimakatastrophe.

Alle Spenden an die Opfer der Klimakatastrophen sind Beiträge zu etwas mehr Klimagerechtigkeit, auch wenn sie nur Tropfen auf einen immer heißer werdenden Stein sind.

Sie sind aber auch eine Übung praktizierter Solidarität.

Roland Vossebrecker

 

„Klimagerechtigkeit setzt voraus, die Verantwortung der Menschheit für die Auswirkungen von Treibhausgasemissionen auf die ärmsten und verletzlichsten Menschen in der Gesellschaft anzuerkennen und ernst zu nehmen.“

Mattias Quent, Christoph Richter, Axel Salheiser, Klima Rassismus S 240

 

EMPÖRUNG

EMPÖRUNG

EMPÖRUNG

von Roland Vossebrecker

„Wir leben in einem Zeitalter des ‚Empörialismus‘“

Michael Schmidt-Salomon

 

Empörend ist vieles in der Politik, der Berichterstattung, der Debatte rund ums Klimathema:

  • Wie kann es sein, dass man zur 28. Weltklimakonferenz mit Sultan Ahmed Al Jaber einen CEO der weltweit zwölftgrößten Ölgesellschaft zum Vorsitzenden ernennt? Das ist, als würde man Al Capone zum Präsidenten einer Konferenz gegen das organisierte Verbrechen ernennen.
  • Wieso werden Klimaaktivist*innen beleidigt und als Terrorist*innen diffamiert, während die wahren Klimaverbrecher ungestraft weiter das Klima ruinieren und ihre Lügen verbreiten dürfen?
  • Wiese darf die Bundesregierung, insbesondere das Verkehrs- und das Bauministerium, die eigenen Gesetze missachten und sich weigern, Sofortprogramme vorzulegen, um die selbstgesteckten Ziele einzuhalten?
  • Wie unfassbar ungerecht ist es, dass Reiche und Superreiche mit ihrem maßlosen Lebensstil die Zukunft aller in Gefahr bringen, und wie dreist, verlogen und eben empörend sind ihre Rechtfertigungen dafür! klimareporter

Um nur einige Beispiele zu nennen, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

In diesen und in vielen anderen Fällen ist Empörung berechtigt, ja zwingend, -wenn sie denn richtig genutzt wird! Denn Empörung ist eine zweischneidige Angelegenheit. Sie stellt sich oft reflexhaft ein und kreist gerne um sich selbst.

„Blasenentzündung“

Deutlich wird das besonders in sozialen Netzwerken. Dort kann man seiner Empörung freien Lauf lassen, sich die Empörung von der Seele schimpfen, und erntet dort in der eigenen Bubble/Blase schnell viel Zustimmung. Geteilte Empörung ist doppelte Freude! Allerdings erreicht man damit nicht viel mehr als eine „Blasenentzündung“, und die sollte man nicht mit Aktivismus verwechseln.

Denn die, über die man sich dort empört, bekommen in der Regel von alledem gar nichts mit. Zielführender ist es, die berechtigte Empörung zu kanalisieren und richtig zu adressieren. So ist es ja ein Leichtes, z. B. Politiker*innen per Mail mitzuteilen, wie empörend man die eine oder andere Äußerung oder Entscheidung findet. Nicht, dass daraufhin z. B. ein Hubert Aiwanger oder Friedrich Merz ihre Meinung ändern und zu engagierten Klimaschützern mutieren würden. Aber wir haben das Recht auf freier Meinungsäußerung und sollten dieses auch nutzen, und sei es nur, um den gegenwärtigen Trends verlogener und egoistischer Narrative etwas entgegenzusetzen. Es wäre schon sehr wertvoll, wenn Politiker*innen für Empörendes deutlich einen gesellschaftlichen Gegenwind verspüren würden.

Vom Reflex zur Reflektion

Die Empörung hält aber noch einen anderen Fallstrick parat. Denn man empört sich naturgemäß immer über die anderen. Die sind ja bekanntlich immer schuld. Dabei bleibt eine selbstkritische Reflektion gerne mal auf der Strecke. Zwei Beispiele:

Der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Sabhar, Bangladesch am 24. April 2013 mit 1135 Toten hatte weltweite Empörung ausgelöst, über die Baumängel, die sklavenartigen Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen, über die gewissenlose Fast-Fashion-Industrie. All das ist mehr als berechtigt – wenn sich eine Reflektion über den eigenen Kleiderschrank und ein geändertes Konsumverhalten anschließt. Denn die Frage muss man sich gefallen lassen: Inwiefern unterstützen wir als Konsument*innen eben genau diese Missstände?

Einer Studie von Oxfam zufolge verantwortet das reichste 1 % der Weltbevölkerung etwa doppelt so viele CO2-Emmissionen wie die ärmere Hälfte. Der Reflex auf diese Tatsache ist maximale Empörung, und das vollkommen berechtigt – wenn man sich überlegt, ob man selbst nicht vielleicht zu den reichsten 10 % der Weltbevölkerung gehört! Deren CO2-Anteil ist nämlich etwa so groß wie jener der restlichen 90 %. Was also ist mein eigener Anteil, und ist er global gerecht? Und bin ich bereit, daran etwas zu ändern, um zu mehr Gerechtigkeit beizutragen?

 

Konstruktive Empörung braucht also zweierlei:

Selbstkritik. Die größten und unmittelbarsten Veränderungen können wir bei uns selbst bewirken. Mit einer selbstkritischer Haltung dürfen, ja müssen wir uns empören über jede Form der Ungerechtigkeit sein und daraus die Kraft gewinnen, aktiv zu werden.

Zielgerichteter Aktivismus, ohne den man sich in fruchtlose Debatten verliert, in ein Stammtischlern über „die da oben“ und ins „man müsste mal“, vor allem aber in „die anderen müssten mal“.

 

Wer es aushält, mag sich mal dieses Video anschauen, aber ich warne: Es ist wirklich schwer erträglich.

youtube

Mein Kommentar dazu:

Empörend? Ja, maximal verstörend und empörend!

Aber Empörung allein bringt nichts. So bleibt man nur in der Haltung, dass man selbst nichts tun müsse. Sollen erst mal die Reichen anfangen. WAS SIE NICHT TUN WERDEN!

Ich hätte mir gewünscht, dass das Video mit einem Appell endet, einem eindringlichen Appell an uns ALLE:

Lasst und verantwortungsvoll leben. Lasst uns unsere CO2-Emissionen reduzieren, WO IMMER WIR KÖNNEN. Lasst uns unsren Konsum reduzieren, WO IMMER WIR KÖNNEN. Beteiligen wir uns nicht mehr an Ausbeutung von Mensch und Umwelt. Teilen wir unseren Reichtum, mit jenen, die am schlimmsten von der Klimakatastrophe betroffen sind.

Und werden wir laut, aktiv, politisch engagiert!

Gestalten wir eine klimaGerechte Gesellschaft, INDEM WIR SIE VORLEBEN! Erst dann werden SUVs, Kreuzfahrten, Privatjets etc. keine Statussymbole mehr sein, sondern verachtenswerte, verantwortungslose Peinlichkeiten.

Roland Vossebrecker

 

Klima- und Umweltschutz als Werkzeug der Rechtsextremen

Klima- und Umweltschutz als Werkzeug der Rechtsextremen

KLIMA- UND UMWELTSCHUTZ ALS WERKZEUG DER RECHTSEXTREMEN

von Leandro Condjo

„Linksgrün-versifft“ ist ein neu-deutsches Buzzword mit denen sich Viele, vor allem Gen-Zler, identifizieren können. Früher war es eine Beleidigung seitens der Rechten und heute hat sich die, nun ja, linksgrün-versiffte Szene das Wort zurückerobert. Wie so oft, werden sogenannte linke politische Einstellungen mit der Orientierung an Umwelt- und Klimaschutz über einen Kamm geschert. Macht ja auch Sinn: Ein intaktes Klima und eine gesunde Umwelt beugen Ungleichheit und sozialem Elend vor. Aspekte, die auf links-orientierten Agenden hohe Priorität haben.

Allerdings hat die Umweltbewegung (und somit auch Klimabewegung) auf dem anderen Ende des politischen Spektrums früher Fuß gefasst: Das erste Naturschutzgesetz Deutschlands stammt aus der NS-Zeit, das sogenannte „Reichsnaturschutzgesetz“ von 1935. Die Autobahnen sollten umweltschonend errichtet, eine „Versteppung“ und ästhetische Industrialisierung Deutschlands abgewendet werden. Nicht umsonst scherzen die Macher des Adolf Hitler Satirefilms „Er ist wieder da“, dass der Diktator die Grünen wählen würde.

Dahinter steckt eine unangenehme Wahrheit. Es ist Zeit die braune Geschichte der Umweltbewegung zu beleuchten und aufzuarbeiten. Der Umweltschutz darf nicht wieder zu einem Werkzeug von Rechtsextremen werden. Erste Bestrebungen dafür gibt es schon: Dabei gibt es einerseits den Trend zur kompletten Leugnung (fossiler Faschismus) des Klimawandels und andererseits zur Aneignung einer unsolidarischen Klimaschutzpolitik. (Öko-Faschismus).

Blut und Boden

Die Umweltschutzbewegung hat ihre Wurzeln in konservativen Kreisen. Die radikale Industrialisierung in Verbindung mit der Verstädterung hatte die unregulierte Verschmutzung der Umwelt zur Folge, die späteren Folgen auf das Klima waren noch nicht abzusehen. Die Angst, dass das traditionelle Landschaftsbild zerstört wird oder gar verschwindet, und geliebte Tierarten aussterben, war groß. In den 1920ern und 1930ern wurde der Umweltschutz von Nationalsozialisten aufgegriffen: Die Umwelt und die völkische Identität bilden laut ihnen eine organische Einheit. Das Land selbst sorgt für die Überlegenheit Deutschlands und der „arischen Rasse“. Man suchte in der Umwelt nach Anzeichen für eine vergessene arisch-germanische Hochkultur, um den Wahnsinn der NS-Ideologie zu legitimieren und um Propaganda zu verbreiten. Als dies scheiterte wurde der Umweltschutz unter den Teppich gekehrt. Die bpb (Bundeszentrale für politische Bildung) sagt, das Reichsnaturschutzgesetz sei „mehr Schein als Sein“ und die Sorge um die Natur nur Mittel zum Zweck gewesen. Doch diese Geschichte mahnt uns: „Grüne“ Themen können in Rechtsextremismus eingebettet werden. Noch schlimmer: Sie können sogar eine Säule für deren Ideologie bilden. 

Fossiler Faschismus oder Öko-Faschismus oder sowohl als auch – in welcher Richtung bewegen sich Rechtsextreme? 

Die AfD („Alternative für Deutschland“) hat einen geschickten Kurs: Klimaschutz und Umweltschutz werden gegeneinander ausgespielt. Wenn man den menschengemachten Klimawandel ablehnt, dann birgt der Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere von Windkraft- und Photovoltaikanlagen, angeblich große Gefahren für die Umwelt. Vögel würden von Windkraftanlagen geschlachtet und Insekten verwechselten PV mit Wasserreservoiren Die Konsequenzen der Atomkraft und fossilen Energieerzeugung für die Umwelt werden dagegen bequem ausgeklammert, es handele sich hierbei um die umweltfreundlichere Alternative. Wie einfach man doch alles lösen kann, wenn man jenseits von wissenschaftlichem Konsens argumentiert. Eine der Grundlagen der AfD-Politik ist die Vorherrschaft der fossilen Brennstoffe in unserem alltäglichen Leben und der Wirtschaft. Hand in Hand mit ihren Geldgebern aus der Öl-Industrie schaffen sie eine Welt, in der es keine Alternative zu Benzin, Kohlekraftwerken und Co. gibt. Das Ende vom Lied wird ein „fossiler Faschismus“ sein – eine Welt die von Öl-Konglomeraten und ihren Laufburschen regiert wird. Dieser Kurs ist vergleichbar mit dem der amerikanischen Rechten und Rechtsextremen der Republikaner.

Anders sieht die Situation in Frankreich aus.

Im Gegensatz zur klimaskeptischen Haltung der AfD und der amerikanischen Republikaner, möchte sich der RN (Rassemblement Nationale) als „Ecooptimiste“ (Öko-Optimisten) definieren. Dem Fakt des menschengemachten Klimawandels wird entgegengeblickt mit Optimismus und Investitionen in erneuerbare Energien, E-Autos etc. Nach systematischen Lösungen sucht man allerdings immer noch vergeblich. Stattdessen wird Klimaschutz zum Werkzeug rechter Politik:

Die rechts(extreme) Partei Rassemblement Nationale, geführt von Marine Le Pen, propagiert eine sogenannte „nouvelle écologie“ (deutsch: „neue Ökologie“), die auf Patriotismus und „realistischen Lösungen“ beruhe: Entsolidarisierung, eingeschränkte Migration und lokale (Re-)Industrialisierung.

„Wenn wir es schaffen, genug Leute loszuwerden, dann kann unser Lebensstil nachhaltiger sein“ 

Das schrieb der Massenmörder Patrick Wood Crusius in sein Manifesto, bevor er das Feuer auf „mexikanisch-aussehende“ Zivilist*innen in einem Einkaufszentrum in der texanischen Grenzstadt El-Paso eröffnete. Er tötete 23 Menschen und verletzte 23 weitere.  Sein Manifesto nannte er „An inconvenient Truth“ genannt, in Anlehnung an die bahnbrechende, Oscar-gewinnende Doku über den Klimawandel des Präsidentschaftskandidaten Al Gores. 

Cruisus glaubte an das sogenannte „Great Replacement“: Eine Verschwörungstheorie die besagt, dass weiße US-Amerikaner durch illegale lateinamerikanische Einwanderer ersetzt werden sollen. Er erkannte an, dass die Umweltzerstörunge ein riesiges Problem für kommende Generationen sein würde. Seine „Lösung“: Die Menschen des globalen Südens sollen dafür den Preis zahlen und ausgelöscht werden.  

Dieser Gedanke ist in bestimmten Kreisen sehr wohl salonfähig. Viele sind der Meinung, dass die Bevölkerungsexplosion in Südamerika, Afrika und Asien der Hauptgrund für die Umwelt- und Klimakrise ist. Das oberste Ziel soll die Erhaltung unseres westlichen, fossilen Lebensstils sein, das Wohlbefinden der Menschen des globalen Südens wird in dieser Gleichung ausgeklammert. Im Namen der Erhaltung der Ökosysteme, der Umwelt und des Klimas wird gegen MigrantInnen und AusländerInnen gehetzt. Ihre Menschlichkeit wird in Frage gestellt. Um den Bogen zum Nationalsozialismus zu spannen: Die Überbevölkerung „niederer Rassen“ bedrohe die Reinheit der Natur (und jetzt die Gesundheit des Klimas). 

Rechtsextreme Argumentationen erkennen und entlarven – die Bedeutung der Klimagerechtigkeit

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Realität des Klimawandels die mehrheitlich fossil-orientierte, klimawandel-leugnende Ideologie der Rechtsextremen zu einem Ökofaschismus umschwenken lässt, der den Klimawandel für seine Zwecke instrumentalisiert. Deshalb ein paar Grundsätze zur Verinnerlichung, falls man auf rechtsextreme Argumente trifft: 

Klimagerechtigkeit bedeutet, dass wir anerkennen, wie unser konsum- und fossilorientierter Lebensstil sowohl unsere eigene Lebensgrundlage als auch die aller anderen Menschen bedroht. Am Ende des Tages sitzen wir doch alle im selben Boot. Im Angesicht der Schwierigkeiten, die auf uns zukommen, werden völkische Märchen, rassistische Narrative und Scheinargumente uns nicht retten. Wir müssen uns gegen diese „Argumente“ wappnen.

Leandro Condjo

Eins Komma Fünf

Eins Komma Fünf

Das „Klimaziel“ in der politischen und wissenschaftlichen Diskussion

von Roland Vossebrecker

„In seinem neusten Bericht mahnt der der Weltklimarat eindringlich dazu, klimaschädliche Treibhausgasemissionen deutlich zu reduzieren. Geschehe dies nicht, würde das Ziel, das einst im Pariser Klimaabkommen festgeschrieben wurde, die Erderwärmung durch die Industrialisierung auf 1,5-Grad zu begrenzen, schon Anfang der 2030-er Jahre überschritten. Sofort, so der Weltklimarat, müsse gehandelt werden.

in „Panorama

Wer glaubt noch an 1,5° Grad? Wer glaubt noch daran, dass es der Menschheit gelingen wird, die Erderwärmung auf 1,5° Grad gegenüber vorindustrieller Zeit zu begrenzen?

„Es ist weiterhin möglich, die 1,5 Grad in Reichweite zu halten, wenn wir in den nächsten sieben Jahren die globalen Emissionen halbieren. Die Menschheit hat das nötige Wissen, die passenden Technologien und auch die finanziellen Mittel.“

Dieses Zitat von Außenministerin Annalena Baerbock steht exemplarisch für die Politik, die in ihrer Kommunikation beharrlich am 1,5°-Ziel festhält.

Nun ist an Baerbocks Äußerung nichts grundlegend falsch. Aber wie realistisch ist es, die globalen Emissionen in sieben Jahren zu halbieren? Sie steigen immer noch, und die stetigen und immer dramatischeren Weckrufe der Wissenschaft, so z. B. der oben zitierte jüngste IPCC-Bericht, verhallen nach wie vor beinahe wirkungslos. Ein globaler Krisengipfel, der diesen Namen auch verdient und die Krise als Menschheitsbedrohung behandelt, ist nicht in Sicht.

So klingen die Bekenntnisse aller demokratischen Parteien zu 1,5° (über die AfD muss man in dem Zusammenhang nicht reden) immer hohler und inhaltsleerer. Es dürfte interessant sein, wie sich die politische Kommunikation in einigen Jahren verändern wird, wenn die 1,5° überschritten sein werden. Ob es über gegenseitige Schuldzuweisungen hinausgehen wird? Ob es ein demütiges Eingeständnis des eigenen Versagens geben wird?

 

Interessanter ist, wie die Diskussion um das 1,5° Grad-Ziel auf wissenschaftlicher Seite verläuft.

Hans Joachim Schellnhuber äußert sich eindeutig:

„Einen Klimawandel, der gravierende Auswirkungen hat, können wir nicht mehr abwenden. Wir werden vermutlich in zehn bis 15 Jahren die 1,5 Grad-Linie globaler Erwärmung überschreiten und dann darüber hinausschießen.“

Mojib Latif sagte bereits im Oktober 2018:

„Die Erderwärmung noch auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist praktisch ausgeschlossen.“

Heute findet er mehr „Ehrlichkeit in der Kommunikation“ wünschenswert:

„Das Festhalten an der 1,5-Grad-Marke in der öffentlichen Kommunikation kann zu Unverständnis, Angst und auch Fatalismus führen. Alles Hemmnisse für einen zielführenden Diskurs.“

Vermutlich würden nicht einmal zwei Grad geschafft.

„Nimmt man das, was die Politik weltweit derzeit macht, sind wir eher auf dem Kurs drei Grad.“

Und noch drastischer:

„Wir nähern uns dem Punkt, an dem man sich eingestehen muss: Die Zeit ist abgelaufen.“

 

Die Klimaforscher Johan Rockström und Carl-Friedrich Schleußner vertreten ein andere Position. Sie halten es für eine fatale Fehleinschätzung, das 1,5°-Ziel für tot zu erklären: „Denn 1,5 Grad sind nicht nur ein politisches Ziel. Sondern sie sind das planetare Limit.“

Sie weisen darauf hin, dass 1,5 Grad eine kritische Schwelle für die Stabilität mancher Klimakippelemente sind:

„Nur wenn wir mittelfristig die Erderwärmung auf unter 1,5 Grad begrenzen, können wir das Risiko für das Überschreiten von Kipppunkten dieser kritischen Systeme noch minimieren. Und eine fatale Kaskade von Kippelementen, die sich gegenseitig verstärken, verhindern. Alles, was über ein geringfügiges und zeitlich begrenztes Überschreiten von 1,5 Grad Celsius hinausgeht, erhöht diese Risiken deutlich.“

Ihnen geht es vor allem um die Frage, welche Folgen eine Abkehr vom Pariser Ziel politisch und psychologisch haben würde

„Nun gibt es einige, auch aus dem Kreis der Klimaforschenden, die 1,5 Grad vorzeitig für tot erklären, vielleicht auch in der Hoffnung, dass dies als Weckruf zu mehr Klimaschutz führen würde. Das überzeugt nicht. Aus unserer Sicht wird ein Fallenlassen der 1,5-Grad-Grenze nicht zu mehr Klimaschutz führen. Vielmehr würden Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen dann zwei Grad als Zielmarke ausrufen. Und in der Folge würden auch die Reduktions- und „Netto null“-Emissionsziele aufgeweicht werden.“

Ein spannende Debatte! 

Wie lässt sich eine realistische Einschätzung der Lage, die leider ziemlich pessimistisch ausfallen muss, mit ausreichend viel Hoffnung begegnen, um handlungsfähig zu bleiben, um den Kampf gegen jedes Zehntel, jedes Hundertstel Grad Erderwärmung weiterzuführen?

Klar ist: Das Überschreiten der 1,5° bedeutet noch nicht das Ende. Bei 1,5° geht die Welt nicht unter und es wäre unsinnig, an diesem Punkt aufzugeben, denn 1,9° ist besser als 2°. Und auch 2,45° ist besser als 2,5°. Jedes Zehntel Grad erhöht die Wahrscheinlichkeit irreversibler Kipppunkte. Jedes bisschen mehr Erderhitzung bedeutet ein Mehr an Leid, Elend und Tod. 

 

Beim globalen Klimastreik am 3. März wurde ich von einer Journalistin gefragt, ob ich denn eigentlich noch optimistisch sei. Zuerst wusste ich nicht recht, was ich darauf antworten sollte. Nein, ich blicke nicht sehr optimistisch in die Zukunft. Meine eigentlich grundoptimistische Haltung ist mir in den letzten Jahren leider gründlich vergangen. Aber dann fand ich doch noch eine Antwort:

Der Kampf für KlimaGerechtigkeit lohnt sich auch, wenn wir ihn verlieren.

Roland Vossebrecker

 

„Doch dem Pessimismus des Verstandes sollte (…) immer der Optimismus unseres Willens gegenüberstehen: der Optimismus, eine gerechte und für zukünftige Generationen lebenswerte Welt zu schaffen. Optimismus, genauso wie Hoffnung, ist dabei nicht die Überzeugung, dass etwas unter allen Umständen gut ausgeht. Es bedeutet viel mehr, sich die Haltung und letztlich die Gewissheit zu eigen zu machen, dass solidarisches Handeln Sinn macht, egal wie die Dinge am Ende ausgehen.“

(Alexander Behr, aus Globale Solidarität, S. 14 oekom verlag, 2022)